Frühzeitige Belastung nach OP: Ein Paradigmenwechsel in der Frakturnachversorgung?

>> Schnellere Reha durch frühzeitige, angepasste Gewichtsbelastung

// HINTERGRUND

Seit über 60 Jahren basiert die postoperative Versorgung peri- und intraartikulärer Frakturen der unteren Extremität auf restriktiven Gewichtsbelastungsprotokollen. Trotz fehlender Evidenz für die Notwendigkeit einer langen Entlastungsphase halten viele Chirurg*innen an diesen traditionellen Empfehlungen fest. Eine niederländische Multicenter-Studie untersuchte nun die Wirksamkeit einer frühzeitigen, angepassten Gewichtsbelastung im Vergleich zur restriktiven Gewichtsbelastung nach operativer Frakturversorgung.

// METHODIK

Die prospektive, vergleichende Kohortenstudie umfasste 106 Patient*innen mit operativ versorgten peri- und intraartikulären Frakturen der unteren Extremität. Die Teilnehmenden wurden je nach Klinik (und jeweiligem Nachversorgungsplan der Klinik) einem von zwei Protokollen zugeordnet:

  • Frühzeitige Gewichtsbelastung-Gruppe: Progressive Steigerung der funktionellen Aktivitäten und Gewichtsbelastung, die sich am subjektiven Empfinden der Teilnehmenden (Schmerzen und Vertrauen in die Belastbarkeit) und an den objektiven klinischen Symptomen (Entzündungszeichen, neurovaskulärer Status, Belastungstoleranz, Alignmentveränderungen sowie Qualität und Funktion des Weichteilgewebes und der betroffenen Gelenke) orientierten. Der Fortschritt wurde nicht durch ein vorgegebenes oder festes Maß der Belastung der betroffenen Seite in kg oder in Prozent des Körpergewichts bestimmt, da sich dies als schwer einhaltbar erwiesen hat.
  • Restriktive Gewichtsbelastung-Gruppe: Die Teilnehmenden durften 6-12 Wochen lang nicht belasten. Anschließend war eine Teilbelastung erlaubt, wobei die Gewichtsbelastung jede Woche um 25% erhöht wurde, entsprechend den bestehenden AO-Richtlinien (Arbeitsgemeinschaft für Osteosynthesefragen).

Erhoben wurden patientenberichtete Parameter zu Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL), Lebensqualität (QoL), Schmerzen und Einhaltung der Belastungsvorgaben über 26 Wochen postoperativ.

// ERGEBNISSE

Teilnehmende der frühzeitigen Gewichtsbelastungs-Gruppe erzielten signifikant bessere Werte in ADL und Lebensqualität nach 2, 6, 12 und 26 Wochen. Zudem erreichten sie die volle Gewichtsbelastung im Durchschnitt 9 Wochen früher als die konservative Belastungsgruppe. Die Komplikationsrate unterschied sich nicht signifikant zwischen beiden Gruppen.

// DISKUSSION

Die Studie zeigt klare Vorteile der frühzeitigen Gewichtsbelastung für Funktion und Lebensqualität ohne erhöhte Komplikationsrate. Ein interessanter Aspekt ist, dass viele Teilnehmende in der konservativen Belastungsgruppe in der Realität bereits früher als empfohlen ihre Belastung erhöhten – ein Hinweis darauf, dass eine streng restriktive Vorgabe nicht nur wenig evidenzbasiert ist, sondern auch in der Praxis oft nicht eingehalten wird. Dies unterstreicht die Relevanz eines individuell angepassten Belastungsaufbaus.

Ein weiteres wichtiges Thema ist das Gleichgewicht zwischen Unter- und Überlastung. Während zu frühe und unkontrollierte Gewichtsbelastung zu erhöhten Komplikationen führen kann, kann eine zu lange Immobilisierung negative Auswirkungen auf die Knochenheilung, Muskelfunktion und allgemeine Mobilität haben. Eine gewisse Gewichtsbelastung ist demnach förderlich für die Frakturheilung. Frühzeitige Belastung könnte daher den optimalen Mittelweg zwischen diesen beiden Extremen darstellen. Limitationen der Studie sind das nicht-randomisierte Design sowie die fehlende Kosten-Nutzen-Analyse.

// KONKLUSION

Frühzeitige, angepasste Gewichtsbelastung führt zu einer schnelleren Wiedererlangung der Geh- und Alltagsfähigkeit und sollte als Therapieansatz in der postoperativen Versorgung von Frakturen der unteren Extremität in Betracht gezogen werden. Die Studie liefert zudem starke Argumente für eine Überarbeitung bisheriger Rehabilitationsleitlinien.

// QUELLE

Kalmet P, Maduro C, Verstappen C et al. Effectiveness of permissive weight bearing in surgically treated trauma patients with peri- and intra-articular fractures of the lower extremities: a prospective comparative multicenter cohort study. Eur J Orthop Surg Traumatol. 2024; 34 (3): 1363-1371.

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Katrin Veit

Katrin Veit

B.Sc. | Physiotherapeutin & Fachredakteurin bei DIGOTOR

Katrin hat Präventions-, Therapie- und Rehabilitationswissenschaften studiert, jahrelang in der Orthopädie gearbeitet und liebt es, Menschen auf dem Weg zurück in Bewegung, Sport und Alltag zu begleiten. Bei DIGOTOR bringt sie aktuelle Forschung auf den Punkt – mit der festen Überzeugung, dass Evidenz und eine gute Therapeuten-Patienten-Beziehung kein Widerspruch sind, sondern untrennbar zusammengehören.