Eine aktuelle Übersichtsstudie zeigt, dass die methodische Berichterstattung von Übungsprogrammen bei chronischem Leistenschmerz wissenschaftlich größtenteils mangelhaft ist.
Obwohl die meisten Reha-Protokolle breit gefächerte, strukturübergreifende Ansätze nutzen, erschwert die unvollständige Dokumentation die genaue Übertragung in die klinische Praxis.
// HINTERGRUND
Übungsbasierte Rehabilitation gilt bei AthletInnen mit chronischem Leistenschmerz (long-standing groin pain, Symptomdauer ≥ 6 Wochen) als effektiv zur Schmerzreduktion und zur Rückkehr in den Sport. Um wirksame Interventionsprogramme in der Praxis oder Forschung präzise zu replizieren und anzupassen, ist eine detaillierte und transparente Beschreibung aller Übungskomponenten essenziell. Ausgangspunkt dieser Studie war das Fehlen eines systematischen Überblicks über die in der Literatur verwendeten Übungsinhalte sowie die Überprüfung der qualitativen Berichterstattung bei diesem Krankheitsbild.
// METHODIK
Die AutorInnen führten einen Scoping Review durch, um den aktuellen Forschungsstand zu den Übungsinhalten und der Dokumentationsqualität systematisch zu erfassen. In den Datenbanken Scopus, Cochrane Library, PubMed und Google Scholar wurden Studien bis März 2025 identifiziert. Eingeschlossen wurden 22 Publikationen (welche 19 unabhängige Übungsprotokolle repräsentierten) mit insgesamt 855 AthletInnen.
Die Berichterstattungsqualität wurde mithilfe zweier standardisierter Checklisten evaluiert (CERT (Consensus on Exercise Reporting Template) und FRED (Fundamental Resistance Exercise Descriptors)). Zusätzlich wurden die anatomischen Zielstrukturen, Kontraktionsformen, Ausführungsmodalitäten und funktionellen Trainingsinhalte extrahiert.
// ERGEBNISSE
- Mangelhafte Berichterstattungsqualität: Kein einziges Reha-Protokoll erreichte eine hohe Berichterstattungsqualität nach CERT. Nur 3 Studien (16 %) wiesen eine moderate Qualität auf, während 16 Studien (84 %) als qualitativ niedrig eingestuft wurden (durchschnittlicher CERT-Score: 7,7 ± 4,3 von 19 Punkten). Der durchschnittliche FRED-Score lag bei 3,7 ± 1,8 von 13 Punkten.
- Häufig berichtete vs. vernachlässigte Parameter: Am verlässlichsten dokumentiert wurden die Anpassung an Einzelpersonen (89 %), das Trainingssetting (68 %) sowie Satz- und Wiederholungszahlen (je 73 %). Extrem selten berichtet wurden hingegen Kriterien zur Festlegung des Startniveaus (5 %), detaillierte Übungsbeschreibungen (16 %), die Überprüfung der Übungstreue/Adhärenz (16 %) sowie Bewegungsausmaße (0 %) oder Kontraktionszeiten (0 %)
- Inhaltliche Orientierung der Protokolle: Unabhängig von der spezifischen Diagnose (z. B. adduktoren-, iliopsoas- oder pubischmerzbedingt) adressierten die Protokolle meist mehrere Muskelgruppen gleichzeitig (Adduktoren, Hüftgelenksflexoren, Bauchmuskulatur, Rumpf- und Hüftgelenksextensoren). Zudem integrierten 16 Studien funktionelles Training wie progressives Lauftraining, richtungswechselorientierte Drills und Plyometrie. Dehnübungen wurden nur in 4 Studien (18 %) eingesetzt.
// DISKUSSION
Im wissenschaftlichen Kontext verdeutlichen die Befunde, dass unvollständige Übungsbeschreibungen in Publikationen die Vergleichbarkeit und Skalierbarkeit von Reha-Konzepten im klinischen Alltag erheblich behindern.
Die AutorInnen betonen als Limitation, dass eine fehlende Dokumentation in Publikationen nicht zwingend das Ausbleiben der Maßnahmen in der tatsächlichen Durchführung bedeutet und die Arbeit zwar Inhalte und Transparenz erfasste, nicht jedoch die klinische Wirksamkeit der einzelnen Protokolle bewertete.
// KONKLUSION
Die 3 wichtigsten Kernbotschaften für den Behandlungsalltag:
- Breiter statt isolierter Ansatz: Die Rehabilitation von chronischem Leistenschmerz sollte sich nicht starr auf die schmerzhafte Einzelstruktur beschränken, sondern synergistische Muskelgruppen (Rumpf-, Hüft- und Adduktorenkomplex) einbeziehen.
- Funktionelles Training integrieren: Sportartspezifische Belastungen, progressiver Laufaufbau und Plyometrie sind wesentliche Bestandteile und sollten frühzeitig kriterienbasiert eingeplant werden.
- Transparente Dokumentation umsetzen: Behandelnde sollten Belastungsparameter (Startniveau, Dosis, Steigerungskriterien) präzise definieren und festhalten, um den Behandlungsverlauf reproduzierbar und evaluierbar zu gestalten.
// QUELLE
Pippas C, Gioftsos G, Weir A et al. Rehabilitation of Long-Standing Groin Pain in Athletes: A Scoping Review of Exercise Content and Reporting. J Orthop Sports Phys Ther 2026; 56(7): 427–447.
Jetzt unsere Kurse und Fortbildungen entdecken!