Reichen Patientenfragebögen aus, um die funktionelle Leistungsfähigkeit nach einer Knorpelreparatur am Knie zu beurteilen?

Patientenbezogene Fragebögen (=Patient-reported outcome measures (PROMs)) korrelieren nach einer operativen Knorpelreparatur moderat bis stark mit anspruchsvollen dynamischen Einbeinsprüngen und der Kniegelenksextensionskraft, zeigen jedoch keine Assoziation mit einfachen Alltagstests. PROMs erfassen die subjektiv wahrgenommene Kniegelenksfunktion zuverlässig, können objektive funktionelle Leistungstests zur Steuerung von Rehabilitation und Sportfreigabe jedoch nicht ersetzen

// HINTERGRUND

Fokale Knorpeldefekte des Kniegelenks führen häufig zu anhaltenden funktionellen Defiziten, reduzierter Belastbarkeit, Schmerzen sowie Einschränkungen bei Alltags- und Sportaktivitäten. In klinischen Studien und Registern bilden patientenbezogene Fragebögen (PROMs) den primären Endpunkt zur Erfassung von Symptomen und Lebensqualität. Da PROMs jedoch von psychologischen Faktoren, Erwartungshaltungen oder früheren Erfahrungen beeinflusst werden können, spiegeln sie die objektive funktionelle Leistungsfähigkeit nicht immer exakt wider. Ausgangspunkt dieser Studie war daher die Untersuchung, wie stark subjektive PROMs (IKDC, KOOS) mit einem umfassenden Set objektiver funktioneller Leistungstests bei PatientInnen nach Knorpelreparatur korrelieren.

// METHODIK

In dieser monozentrischen Beobachtungsstudie wurden 52 PatientInnen aus dem Deutschen KnorpelRegister (KnorpelRegister DGOU) nach Knorpelreparatur (mittlerer Follow-up: 66,8 Monate; Alter: 39,2 ± 11,9 Jahre; überwiegend männlich) nachuntersucht. Als PROMs dienten der subjektive IKDC-Score sowie die fünf KOOS-Subskalen (Pain, Symptoms, ADL, Sport, QoL). Die objektive Funktionsdiagnostik umfasste isometrische Kraftmessungen der Kniegelenksextensoren und -flexoren bei 90° Flexion (Handheld-Dynamometer), den Single-Leg Hop for Distance (SLHD), den Timed 6-Meter Hop (T6H), den Timed Up and Go (TUG), den 30-Sekunden Sit-to-Stand (30s-STS) und den statischen Einbeinstand (Cut-off 60 Sekunden). Für Einbeintests wurde der Limb Symmetry Index (LSI) als Quotient aus betroffener und gegenseitiger Extremität berechnet.

// ERGEBNISSE

  • Dynamische Sprungtests: Die LSI-Symmetrie beim SLHD zeigte die stärksten Korrelationen mit dem subjektiven IKDC und KOOS Symptoms sowie moderate Korrelationen mit allen weiteren KOOS-Subskalen. Die T6H-Leistung korrelierte ebenfalls stark mit dem IKDC und KOOS Sport.
  • Kraftmessung: Die isometrische Kniegelenksextensionskraft (LSI) korrelierte moderat mit dem IKDC und KOOS Sport. Die Kniegelenksflexionskraft zeigte hingegen keine signifikanten Korrelationen.
  • Niedrigbelastungstests: Statische oder wenig anspruchsvolle Tests (TUG, Einbeinstand) korrelierten mit keinem PROM signifikant. Beim Einbeinstand erreichten 71,2 % der PatientInnen auf der betroffenen Seite das vorgegebene Limit von 60 Sekunden (Deckeneffekt). Der 30s-STS zeigte lediglich eine moderate Assoziation mit KOOS ADL.

// DISKUSSION

Die Befunde belegen, dass PROMs vor allem mit anspruchsvollen, dynamischen Einbein-Aufgaben korrelieren, da diese neben reiner Kraft auch Koordination, Bewegungssicherheit und Vertrauen in das Kniegelenk fordern. Der subjektive IKDC-Score zeigte über mehrere Leistungstests hinweg die konsistentesten Zusammenhänge, was auf seine ganzheitliche Erfassung der Kniegelenksfunktion zurückzuführen ist. PROMs erfassen funktionelle Defizite zuverlässig, können eine objektive Leistungsprüfung vor der Freigabe hoher Belastungen jedoch nicht ersetzen.

Die Studie führt folgende Limitationen explizit an:

  1. Stichprobe & Design: Monozentrisches Design mit kleiner Stichprobengröße (n = 52), potenzieller Selektionsbias durch freiwillige Teilnahme und unverblindete Untersucher.
  2. Zeitliche Latenz & Heterogenität: Nicht-standardisierte Nachuntersuchungsintervalle, zeitlicher Abstand zwischen PROMs-Erhebung im Register und Leistungstests sowie unterschiedliche operative Knorpelreparaturverfahren.
  3. Methodische Messunschärfen: Deckeneffekte beim Einbeinstand, mangelnde Sensitivität des TUG in einer funktionell kompetenten Kohorte, potenzielle Überschätzung der Funktion durch den LSI bei beidseitigen Defiziten sowie das Fehlen einer A-priori-Powerberechnung und Mehrfachtestkorrektur.

// KONKLUSION

Die 3 wichtigsten Kernbotschaften für den Behandlungsalltag:

  • PROMs und Leistungstests kombiniert einsetzen: Fragebögen wie IKDC und KOOS bilden die subjektive Wahrnehmung ab, ersetzen aber keine objektiven Funktionstests bei Reha- und Return-to-Sport-Entscheidungen.
  • Dynamische Einbeintests bevorzugen: Unilaterale Sprungtests (z. B. Single-Leg Hop for Distance) und Kniegelenksextensionstests besitzen die höchste Aussagekraft bezüglich der wahrgenommenen Kniegelenksfunktion.
  • Niedrigbelastungstests kritisch bewerten: Einfache Alltagstests (z. B. TUG, statischer Einbeinstand) weisen bei aktiven PatientInnen deutliche Deckeneffekte auf und sind ungeeignet, um verbliebene Leistungsdefizite aufzudecken.

// QUELLE

Wegerich N, Heinz T, Frischholz S et al. Beyond patient perception: PROMs correlate with objective functional tests following knee cartilage repair. BMC Musculoskelet Disord 2026; 27:633.

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Katrin Veit

Katrin Veit

B.Sc. | Physiotherapeutin & Fachredakteurin bei DIGOTOR

Katrin hat Präventions-, Therapie- und Rehabilitationswissenschaften studiert, jahrelang in der Orthopädie gearbeitet und liebt es, Menschen auf dem Weg zurück in Bewegung, Sport und Alltag zu begleiten. Bei DIGOTOR bringt sie aktuelle Forschung auf den Punkt – mit der festen Überzeugung, dass Evidenz und eine gute Therapeuten-Patienten-Beziehung kein Widerspruch sind, sondern untrennbar zusammengehören.