Inzidenz und Risikofaktoren für lumbalen Bandscheibenvorfall mit Radikulopathie

>> Alter, Rauchen und berufliche Belastung stellen Risikofaktoren dar

// HINTERGRUND

Ein lumbaler Bandscheibenvorfall mit Radikulopathie gehört zu den häufigsten Ursachen für starke Rückenschmerzen und Beeinträchtigungen. Im Vergleich zu unspezifischen Rückenschmerzen ist der lumbale Bandscheibenvorfall mit Radikulopathie meist mit intensiveren Schmerzen, höherer Behinderung und größerem Bedarf an medizinischen Eingriffen verbunden. Zu den genauen Inzidenzen und Risikofaktoren existieren bisher nur ungenaue und uneinheitliche Daten. Diese systematische Übersichtsarbeit zielte deshalb darauf ab, verlässliche Daten für den lumbalen Bandscheibenvorfall mit Radikulopathie zu ermitteln.

// METHODIK

Das systematische Review basiert auf einer umfassenden Literaturrecherche in fünf bedeutenden medizinischen Datenbanken. Kohorten- und Fall-Kontroll-Studien wurden hinsichtlich ihres Risikos für Verzerrungen bewertet, und die beste verfügbare Evidenz aus Studien mit niedrigem und moderatem Verzerrungsrisiko wurden qualitativ zusammengefasst.

// ERGEBNISSE

Die Inzidenz des lumbalen Bandscheibenvorfalls mit Radikulopathie variierte stark je nach Definition und Population. Die jährliche Inzidenz für chirurgisch behandelte Fälle lag zwischen 0,3 und 2,7 pro 1.000 Personen. Für hospitalisierte Fälle zwischen 0,1 bis 298,3 und für ambulante klinische Definitionen reichte die Inzidenz von 0,1 bis 298,3 pro 1.000 Personen. Risikofaktoren waren: mittleres Alter (30-50 Jahre), Rauchen, hoher Body-Mass-Index (BMI), kardiovaskuläre Risikofaktoren bei Frauen und eine größere kumulative berufliche Belastung der LWS durch nach vorn gebeugte Körperhaltung und manuelle Lastenhandhabung. Außerdem standen folgende Faktoren ebenso im Zusammenhang: geringere Bildung, erhöhter Zeitdruck am Arbeitsplatz und geringere Entscheidungskompetenz, Schichtarbeit, lange Sitzzeiten und wenig körperliche Aktivität in der Freizeit, psychischer Stress und psychologische Belastung (modifizierbare Risikofaktoren siehe Abbildung 1).

Abbildung 1: Eigene Abbildung aus Hincapié et al. 2024 (CC BY 4.0). Potenzielle modifizierbare Risikofaktoren: höherer BMI, Rauchen, Herz-Kreislauf-Risikofaktoren (bei Frauen), niedriger Bildungsstand, erhöhter Zeitdruck am Arbeitsplatz und geringere Entscheidungskompetenz am Arbeitsplatz, höhere kumulierte berufliche Belastung der Lendenwirbelsäule durch Vorbeugen und manuelle Arbeit, regelmäßige oder unregelmäßige Drei-Schicht-Arbeit oder regelmäßige Nachtschichtarbeit (bei Frauen).

// DISKUSSION

Die große Variabilität in den Inzidenzen macht die Ergebnisse schwer vergleichbar. Ein Mangel an standardisierten, validierten Definitionen erschwert die Erhebung verlässlicher Daten. Viele Studien erfassten lediglich hospitalisierte oder chirurgisch behandelte Fälle, was die tatsächliche Inzidenz möglicherweise unterschätzt.

// KONKLUSION

Die lumbalen Bandscheibenvorfälle mit Radikulopathie zeigen eine große Schwankung in der Inzidenz, die durch unterschiedliche Falldefinitionen und Populationen beeinflusst wird. Besonders in Berufsgruppen mit hoher körperlicher Belastung, vor allem durch vorgebeugte Haltungen und manuelle Tätigkeiten, ist das Risiko für diese Erkrankung erhöht. Für die Praxis bedeutet dies, dass Präventionsmaßnahmen, die Risikofaktoren wie Rauchen, hohen BMI und berufliche Belastungen ansprechen, besonders wichtig sind.

// QUELLE

Hincapié CA, Kroismayr D, Hofstetter L et al. Incidence of and risk factors for lumbar disc herniation with radiculopathy in adults: a systematic review. Eur Spine J. 2025; 34 (1): 263-294.

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Katrin Veit

Katrin Veit

B.Sc. | Physiotherapeutin & Fachredakteurin bei DIGOTOR

Katrin hat Präventions-, Therapie- und Rehabilitationswissenschaften studiert, jahrelang in der Orthopädie gearbeitet und liebt es, Menschen auf dem Weg zurück in Bewegung, Sport und Alltag zu begleiten. Bei DIGOTOR bringt sie aktuelle Forschung auf den Punkt – mit der festen Überzeugung, dass Evidenz und eine gute Therapeuten-Patienten-Beziehung kein Widerspruch sind, sondern untrennbar zusammengehören.