Ist das Femoroacetabuläre Impingement-Syndrom ein maßgeblicher Risikofaktor für die Hüftgelenksarthrose?

>> Das FAI-Syndrom bei mittelalten Erwachsenen ist stark mit der Entwicklung einer radiologischen Hüftgelenksarthrose innerhalb von 10 Jahren assoziiert.

// HINTERGRUND

Die Koxarthrose ist eine weit verbreitete Erkrankung mit erheblichen sozioökonomischen Auswirkungen auf den Einzelnen und die Gesellschaft. Ein potenzieller Risikofaktor ist die Cam-Morphologie, die besonders bei Athlet*innen häufig vorkommt, aber auch in der asymptomatischen Bevölkerung weit verbreitet ist. Man muss hier klar unterscheiden: Eine rein anatomische Cam-Morphologie im Röntgenbild bedeutet noch nicht automatisch ein hohes Arthroserisiko – dieses liegt bei einem isolierten Befund lediglich zwischen 6-25 %. Das eigentliche Risiko zeigt sich beim FAI-Syndrom (FAIS). Erst wenn zur knöchernen Veränderung auch Symptome (Schmerz) und klinische Zeichen (eingeschränktes ROM) hinzukommen, steigt die Wahrscheinlichkeit für eine spätere Arthrose massiv an. Die vorliegende Studie ist die erste prospektive Untersuchung, die den Zusammenhang zwischen FAIS und der Entwicklung von radiologischer Koxarthrose über einen Zeitraum von 10 Jahren analysiert.

// METHODIK

Die Daten stammen aus der „Cohort Hip and Cohort Knee“ (CHECK)-Studie, einer landesweiten, multizentrischen prospektiven Kohortenstudie aus den Niederlanden mit 1002 Teilnehmenden im Alter zwischen 45 und 65 Jahren. Eingeschlossen wurden Hüftgelenke, die zu Beginn keine definitive radiologische Koxarthrose aufwiesen (Kellgren-Lawrence (KL)-Grad ≤ 1). Das FAIS wurde gemäß dem Warwick-Agreement als Triade definiert:

  1. Symptome: Vorhandensein von Hüftgelenksschmerzen
  2. Klinische Zeichen: Eine eingeschränkte Hüftgelenksinnenrotation von ≤ 25°
  3. Bildgebung: Cam-Morphologie, definiert durch einen Alpha-Winkel von > 60° auf anteroposterioren (AP) Beckenübersichtsaufnahmen

Ziel der Studie war es zu messen, wie oft es im Beobachtungszeitraum zu einem Neuauftreten (Inzidenz) einer Arthrose kam. Als Endpunkt galt eine radiologische Koxarthrose mit einem KL-Grad ≥ 2 oder ein totaler Hüftersatz (TEP) nach 10 Jahren.

// ERGEBNISSE

Von den 1386 analysierten Hüftgelenken erfüllten zu Beginn 21 Hüftgelenke die Kriterien für ein FAIS. Die Prävalenz lag insgesamt bei 1,5 %, wobei Männer (4,6 %) häufiger betroffen waren als Frauen (0,8 %).

Die zentralen Befunde nach 10 Jahren zeigen:

  • Vervielfachung des Risikos: Das Risiko für eine neu auftretende Arthrose war bei Personen mit FAIS fast 7x so hoch wie in der Kontrollgruppe (Odds Ratio 6,85).
  • Endstadium: Das Risiko für eine schwere Arthrose (KL-Grad ≥ 3 oder Hüft-TEP) war bei Vorliegen eines FAIS sogar fast 48-mal höher.
  • Absolutes Risiko: Die Wahrscheinlichkeit für das Neuauftreten einer Arthrose lag bei Personen mit FAIS bei 81 %, während das Risiko einer Arthrose im Endstadium 33,3 % betrug.

// DISKUSSION

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die Kombination aus Symptomen, klinischen Zeichen und Cam-Morphologie (FAIS) die Vorhersage einer Koxarthrose deutlich verbessert im Vergleich zur alleinigen Betrachtung der Radiologie. Hüftgelenke mit Cam-Morphologie, aber einer guten Innenrotationsfähigkeit, führen möglicherweise nicht zu einem Impingement und entwickeln daher seltener eine Arthrose. Mittels einfacher klinischer Untersuchung und einer AP-Röntgenaufnahme lassen sich Patient*innen mit erstmals auftretenden Hüftgelenksschmerzen identifizieren, die ein hohes Arthroserisiko tragen.

// LIMITATIONEN

Aufgrund der geringen Prävalenz von FAIS (n = 21) in der Kohorte sind die Konfidenzintervalle weit, weshalb die Stärke der Assoziation mit Vorsicht interpretiert werden sollte. Zudem bestand die Kohorte zu 80 % aus Frauen, was die Prävalenz der Cam-Morphologie beeinflusst haben könnte (da bei Männern häufiger). Die Verwendung ausschließlich von AP-Aufnahmen könnte die tatsächliche Prävalenz der Cam-Morphologie unterschätzt haben.

// KONKLUSION

Das FAI-Syndrom ist ein starker Risikofaktor für die Entwicklung einer Koxarthrose innerhalb von 10 Jahren. Für die Praxis bedeutet dies, dass Therapeut*innen bei Patient*innen mit Hüftgelenksschmerzen und eingeschränkter Innenrotation besonders wachsam sein sollten. Diese Befunde rechtfertigen die Erforschung präventiver Strategien wie Aktivitätsmodifikationen, Krafttraining und die Verbesserung funktioneller Bewegungsabläufe, um das Fortschreiten zur Arthrose potenziell zu verzögern.

// QUELLE

Agricola R, van Buuren MMA, Kemp JL et al. Femoroacetabular impingement syndrome in middle-aged individuals is strongly associated with the development of hip osteoarthritis within 10-year follow-up: a prospective cohort study. Br J Sports Med 2024; 58: 1061–1067.

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Katrin Veit

Katrin Veit

B.Sc. | Physiotherapeutin & Fachredakteurin bei DIGOTOR

Katrin hat Präventions-, Therapie- und Rehabilitationswissenschaften studiert, jahrelang in der Orthopädie gearbeitet und liebt es, Menschen auf dem Weg zurück in Bewegung, Sport und Alltag zu begleiten. Bei DIGOTOR bringt sie aktuelle Forschung auf den Punkt – mit der festen Überzeugung, dass Evidenz und eine gute Therapeuten-Patienten-Beziehung kein Widerspruch sind, sondern untrennbar zusammengehören.