Ist eine klinische Untersuchung bei akuten Sprunggelenksverletzungen ausreichend?

>> Die klinische Beurteilung in der akuten Phase einer Sprunggelenksverletzung liefert wertvolle Informationen und hilft, eine vollständige Diskontinuität der lateralen Bänder zu identifizieren oder auszuschließen.

// HINTERGRUND

Akute Verletzungen der lateralen Sprunggelenkbänder sind die häufigsten Sportverletzungen. Eine genaue Diagnose ist entscheidend für eine angemessene Therapie und die Prävention von chronischer Instabilität des Sprunggelenks und posttraumatischer Arthrose. Diese Studie untersuchte deshalb die diagnostische Genauigkeit von 7 Anamnesefaktoren, 9 klinischen Tests (einschließlich ihrer Kombination) und der allgemeinen klinischen Verdachtsdiagnose zur Erkennung einer vollständigen Diskontinuität der lateralen Sprunggelenksbänder sowohl in der akuten Phase (0-2 Tage nach der Verletzung) als auch im weiteren Verlauf (5-8 Tage nach der Verletzung).

// METHODIK

Das Autorenteam schloss erwachsene Athlet*innen (≥ 18 Jahre) mit akuter Sprunggelenksverletzung, die bis zu 2 Tage nach der Verletzung vorstellig wurden, ein. Die akute klinische Beurteilung erfolgte innerhalb von 2 Tagen nach der Verletzung anhand standardisierter Anamnesefaktoren und klinischer Tests. Eine klinische Beurteilung im weiteren Verlauf wurde 5-8 Tage nach der Verletzung durchgeführt. Die allgemeine klinische Verdachtsdiagnose wurde nach der klinischen Beurteilung festgehalten. Das MRT nach spätestens 10 Tagen diente als Referenzstandard.

// ERGEBNISSE

43 Teilnehmende wurden in die Studie aufgenommen. Bei 23 der 43 Fälle (53%) wurde eine vollständige Diskontinuität der lateralen Sprunggelenkbänder festgestellt. In der akuten Phase zeigte die laterale Schwellung eine Sensitivität von 100% und ein Hämatom eine Spezifität von 85%. Der vordere Schubladentest zeigte eine Spezifität von 100%. Im weiteren Verlauf stieg die Sensitivität für Hämatome von 43% auf 91% und die des vorderen Schubladentests von 21% auf 61% (siehe Abbildung). Die klinische Verdachtsdiagnose hatte in der akuten Phase ein positives Likelihood-Ratio von 4.35 und im weiteren Verlauf von 6.09.

// DISKUSSION

In der akuten Phase kann die klinische Beurteilung eine vollständige Diskontinuität ausschließen (z. B. bei fehlender lateraler Schwellung) und Athlet*innen mit hoher Wahrscheinlichkeit einer vollständigen Diskontinuität (z. B. positiver vorderer Schubladentest) der lateralen Sprunggelenksbänder identifizieren. Im weiteren Verlauf verbessert sich die Sensitivität häufiger klinischer Befunde, was zu einer höheren diagnostischen Genauigkeit führt (siehe „Figure 2“). Diese Studie unterstreicht die Bedeutung einer gründlichen klinischen Beurteilung in der akuten Phase.

„Figure 2“: Aus Baltes et al. 2024

// KONKLUSION

Die klinische Beurteilung in der akuten Phase einer Sprunggelenksverletzung liefert wertvolle Informationen und hilft, eine vollständige Diskontinuität der lateralen Bänder zu identifizieren oder auszuschließen. Im weiteren Verlauf verbessert sich die diagnostische Genauigkeit durch die erhöhte Sensitivität häufiger klinischer Befunde.

// QUELLE

Baltes TPA, Geertsema C, Geertsema L et al. Acute clinical evaluation for the diagnosis of lateral ankle ligament injuries is useful: A comparison between the acute and delayed settings. Knee Surg Sports Traumatol Arthrosc. 2024; 32 (3): 550-561.

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Katrin Veit

Katrin Veit

B.Sc. | Physiotherapeutin & Fachredakteurin bei DIGOTOR

Katrin hat Präventions-, Therapie- und Rehabilitationswissenschaften studiert, jahrelang in der Orthopädie gearbeitet und liebt es, Menschen auf dem Weg zurück in Bewegung, Sport und Alltag zu begleiten. Bei DIGOTOR bringt sie aktuelle Forschung auf den Punkt – mit der festen Überzeugung, dass Evidenz und eine gute Therapeuten-Patienten-Beziehung kein Widerspruch sind, sondern untrennbar zusammengehören.