Zervikale Einflussfaktoren: Ein unterschätzter Aspekt bei Schulterbeschwerden

>> Bei 50 % der Teilnehmenden mit Schulterschmerzen konnte ein zervikaler Einfluss festgestellt werden.

// HINTERGRUND

Schultergelenkbeschwerden zählen zu den häufigsten muskuloskelettalen Erkrankungen. Ihre Diagnose gestaltet sich jedoch oft schwierig, da Überlappungen zwischen Schultergelenk- und Nackenschmerzen existieren. Der zervikale Beitrag zur Schulterproblematik wird zunehmend als relevanter Faktor erkannt, der sowohl die Diagnostik als auch die Therapie beeinflussen kann. Die vorliegende Studie untersuchte deshalb, wie häufig ein zervikaler Einfluss bei Personen mit Schultergelenkschmerzen vorliegt und wie sich dieser auf die Schmerzintensität und -lokalisation auswirkt.

// METHODIK

In einer Beobachtungsstudie wurden 60 Personen mit Schultergelenkschmerzen untersucht. Ein zervikaler Einfluss wurde definiert, wenn nach einem Screening der Halswirbelsäule eine Schmerzreduktion von mindestens 30 % bei Schultergelenkbewegungen auftrat. Das HWS-Screening umfasste aktive Bewegungsanalysen, Mobilisationen und spezifische Tests (siehe Tabelle 1 und 2). Neben der Schmerzmodifikation wurden auch die Symptomreproduktion und das Phänomen der Zentralisation untersucht.

MessungInstrument
Evaluation des
zervikalen Einflusses
≥30% Modifikation der Schultergelenksymptome (Schmerzintensität) nach Abschluss des HWS-Screenings
Schmerzintensität (Symptommodifikation)Numerische Schmerzskala NRS von 0-10
Schmerzlokalisation (Symptommodifikation)Schmerzzeichnung auf einem Körperschema
SymptomreproduktionReproduktion des typischen Schultergelenkschmerzes der Teilnehmenden während des HWS-Screenings
Tabelle 1: Abhängige Variablen und Messmethoden übersetzt aus Roldán-Ruiz et al. 2024
AssessmentsDetailsAuswertung
Aktive Beweglichkeit der HWSAktives ROM der HWS mit passivem ÜberdruckSymptomreproduktion
Stresstest der HWSTest des unteren Quadranten der HWS sowie Extensions-RotationstestSymptomreproduktion
Kraft der NackenmuskulaturAusdauertest der Nacken-Extensoren und der tiefen Nacken-FlexorenSymptomreproduktion
HaltungsänderungAufrechte Haltung (Korrektur der nach vorne geneigten Kopfhaltung und der zusammengesunkenen Haltung) und Ausführung der schmerzhaften BewegungSymptommodifikation und Symptomreproduktion
Wiederholte Bewegung am End Of Range (EOR)HWS-Retraktion, Retraktion mit Extension/FlexionSymptommodifikation und Symptomreproduktion
Wirbelsäulen-Mobilisation mit Schulterbewegung in der schmerzhaften BewegungZervikale globale Traktion und laterales Gleiten am Processus spinosus von C4Symptommodifikation und Symptomreproduktion
Passive ZusatzmobilisationenAnterior-posteriore und postero-anteriore Mobilisation sowie laterale GleittechnikenSymptommodifikation und Symptomreproduktion
Übungen für Nackenflexoren und -extensorenSymptommodifikation
Tabelle 2: HWS-Screening übersetzt aus Roldán-Ruiz et al. 2024

// ERGEBNISSE

Bei 50 % der Teilnehmenden konnte ein zervikaler Einfluss festgestellt werden. Besonders auffällig war, dass Patient*innen mit vorherigen Nackenschmerzen viermal häufiger betroffen waren. Auch Frauen zeigten eine erhöhte Prävalenz. Bei Patient*innen mit zervikalem Einfluss konnte eine signifikante Schmerzreduktion (von 6 auf 1 auf der Schmerzskala) erreicht werden. Das Phänomen der Zentralisation trat bei 64 % dieser Patient*innen auf und wurde als wertvoller Prädiktor angesehen. Die Symptomreproduktion war hingegen weniger aussagekräftig.

// DISKUSSION

Die Ergebnisse bestätigen die Relevanz eines zervikalen Einflusses bei Schultergelenkbeschwerden. Klinisch zeigt sich, dass eine Behandlung der HWS bei Betroffenen häufig zu einer schnellen und signifikanten Verbesserung führt. Limitationen der Studie umfassen die kleine Stichprobengröße, die ausschließliche Rekrutierung in Spanien und das Fehlen von Langzeit-Follow-ups. Zudem bleibt unklar, welche der eingesetzten Screening-Techniken die effektivste ist.

// KONKLUSION

Physiotherapeut*innen sollten bei Personen mit Schultergelenkschmerzen stets eine zervikale Ursache in Betracht ziehen. Das gezielte Screening der HWS kann nicht nur die Diagnostik verbessern, sondern auch die Therapieplanung optimieren. Besonders das Zentralisationsphänomen sollte routinemäßig untersucht werden, da es auf eine gute Prognose hinweisen kann. Randomisierte Studien sind erforderlich, um die Langzeiteffekte der Behandlung des zervikalen Einflusses zu bestätigen.

// QUELLE

Roldán-Ruiz A, Bailón-Cerezo J, Falla D et al. The prevalence of cervical contribution in patients reporting shoulder pain. An observational study. Musculoskelet Sci Pract. 2024; 73: 103158.

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Katrin Veit

Katrin Veit

B.Sc. | Physiotherapeutin & Fachredakteurin bei DIGOTOR

Katrin hat Präventions-, Therapie- und Rehabilitationswissenschaften studiert, jahrelang in der Orthopädie gearbeitet und liebt es, Menschen auf dem Weg zurück in Bewegung, Sport und Alltag zu begleiten. Bei DIGOTOR bringt sie aktuelle Forschung auf den Punkt – mit der festen Überzeugung, dass Evidenz und eine gute Therapeuten-Patienten-Beziehung kein Widerspruch sind, sondern untrennbar zusammengehören.