Beeinflussen Trainingsfrequenz und Belastungsvolumen die Anpassung der Achillessehne?
>> Entgegen den Erwartungen zeigten weder die zeitliche Koordination von Belastung und Erholung noch das Trainingsvolumen einen klaren Einfluss auf die Sehnenanpassung.
// HINTERGRUND
Sehnen übertragen Kräfte von Muskeln auf das Skelett und speichern elastische Energie. Eine hohe Sehnensteifigkeit verbessert die Leistung bei der Kraftentwicklung, Sprungfähigkeit und Laufeffizienz. Um Sehnenverletzungen oder degenerative Veränderungen zu vermeiden, ist es wichtig, die Anpassung der Sehnen durch gezieltes Training zu fördern. Mechanische Stimuli wie Intensität, Frequenz und Dauer der Belastung spielen eine zentrale Rolle bei der Sehnenanpassung. Ein Forscherteam der Humboldt-Universität zu Berlin untersuchte deshalb, wie die zeitliche Koordination von Belastung und Erholung sowie das Belastungsvolumen die Anpassung der Achillessehne beeinflussen. Das Ziel war es, herauszufinden, ob unterschiedliche Trainingsfrequenzen und -volumina einen Einfluss auf die Sehnensteifigkeit und Querschnittsfläche (CSA) haben.
// METHODIK
52 gesunde Männer wurden in eine Kontroll- und Interventionsgruppe aufgeteilt. Die Interventionsgruppe führte fünf verschiedene hochintensive Belastungsprotokolle (90% der maximalen willkürlichen Kontraktion) durch, die sich in Trainingsfrequenz (2,5 – 5 Einheiten pro Woche) und Gesamtbelastungszeit (180 – 300 Sekunden pro Woche) unterschieden (siehe Tabelle 1 und Abbildung 1). Die mechanischen und morphologischen Eigenschaften der Achillessehne wurden über 16 Wochen hinweg mittels Dynamometrie, Ultraschall und MRT gemessen.
Gruppe
Belastungsfrequenz
Dauer zwischen Einheiten
Anzahl der Sätze
Belastungsvolumen
HFHV
5 Einheiten/Woche
24–48 Std
5 Sätze/Woche
300 Sek/Woche
HFNV
5 Einheiten/Woche
24–48 Std
3 Sätze/Woche
180 Sek/Woche
NFHV
2.5 Einheiten/Woche
48–96 Std
10 Sätze/Woche
300 Sek/Woche
NFNV
2.5 Einheiten/Woche
48–96 Std
6 Sätze/Woche
180 Sek/Woche
REF
4 Einheiten/Woche
24–72 Std
5 Sätze/Woche
240 Sek/Woche
Kontrolle
0 Einheiten/Woche
/
0 Sätze/Woche
0 Sek/Woche
Tabelle 1: Überblick über die Belastungsstruktur der angewendeten Trainingsprotokolle. Anmerkung: Ein Satz bestand aus 4 × 3 Sekunden unter Belastung bei 90% des isometrischen willkürlichen Maximums. Abkürzungen: HFHV: Hohe Frequenz, hohes Volumen; HFNV: Hohe Frequenz, niedriges Volumen; NFHV: Niedrige Frequenz, hohes Volumen; NFNV: Niedrige Frequenz, niedriges Volumen; REF: Referenzprotokoll. Aus Tsai et al. 2024.
Abbildung 1: Das mobile Trainingssystem bestand aus einem Gurt, einer Belastungswaage, einem verstellbaren Ratschengurt und einem Steigbügel. Die Waage lieferte eine sofortige Rückmeldung über die während der isometrischen Plantarflexion auf den Steigbügel ausgeübte Kraft, so dass die Intensität gezielt eingestellt werden konnte. Die Länge des wurde so eingestellt, dass während des Plateaus der Kontraktion ein OSG-Winkel von ~ 0° (d. h. die Sohle steht senkrecht zum Schaft) erreicht wurde. Aus Tsai et al. 2024 (CC BY 4.0).
// ERGEBNISSE
Alle Belastungsprotokolle führten zu signifikanten Zuwächsen in Muskelkraft, Steifigkeit und Querschnittsfläche der Achillessehne. Diese Veränderungen traten hauptsächlich innerhalb der ersten 8 Wochen auf und wurden eher durch Material- (mikroskopisch) als durch strukturelle Veränderungen der Sehne verursacht. Es wurden keine signifikanten Unterschiede zwischen den Protokollen bezüglich der zeitlichen Koordination von Belastung und Erholung oder des Gesamtvolumens festgestellt.
// DISKUSSION
Entgegen den Erwartungen zeigten weder die zeitliche Koordination von Belastung und Erholung noch das Trainingsvolumen einen klaren Einfluss auf die Sehnenanpassung. Ein moderates Belastungsvolumen war genauso effektiv wie ein höheres Volumen, was auf einen möglichen „Deckeneffekt“ bei der Sehnenadaption hinweist.
// KONKLUSION
Für die Praxis bedeutet dies, dass ein niedrigeres Trainingsvolumen von 180 Sekunden pro Woche bei 90% maximaler Kontraktion für die Anpassung der Achillessehne ausreichend ist. Ein höheres Volumen führt nicht zu besseren Ergebnissen, was die Effizienz von Rehabilitations- und Trainingsprogrammen steigert.
B.Sc. | Physiotherapeutin & Fachredakteurin bei DIGOTOR
Katrin hat Präventions-, Therapie- und Rehabilitationswissenschaften studiert, jahrelang in der Orthopädie gearbeitet und liebt es, Menschen auf dem Weg zurück in Bewegung, Sport und Alltag zu begleiten. Bei DIGOTOR bringt sie aktuelle Forschung auf den Punkt – mit der festen Überzeugung, dass Evidenz und eine gute Therapeuten-Patienten-Beziehung kein Widerspruch sind, sondern untrennbar zusammengehören.