Beeinflussen Trainingsprogramme strukturelle und funktionelle Unterschiede bei Achillessehnen-Tendinopathien?
>> Bei Achillessehnen-Tendinopathien unterscheiden sich die betroffene und die asymptomatische Seite zwar signifikant, doch die Bedeutung dieser Asymmetrie für die Sehnengesundheit bleibt unklar.
// HINTERGRUND
Achillessehnen-Tendinopathien sind eine häufige Pathologie, die zu Schmerzen, Funktionseinschränkungen und Veränderungen der Sehnenstruktur führt. Die Lebenszeitprävalenz in der Allgemeinbevölkerung wird mit 5,9 % angegeben, während sie bei Athleten noch höher ist. Obwohl die Ursachen multifaktoriell sind, wird eine mechanische Überlastung der Sehne als Hauptursache angesehen. Dementsprechend spielt Training eine zentrale Rolle in der Rehabilitation und Therapie von tendinopathischen Sehnen. Unterschiede zwischen der betroffenen und der kontralateralen Seite könnten das Risiko erhöhen und den Heilungsverlauf beeinträchtigen. Diese Studie untersuchte deshalb, ob gezielte Trainingsprogramme diese Unterschiede verringern können.
// METHODIK
24 Patienten mit Achillessehnen-Tendinopathien wurden in zwei Gruppen unterteilt: eine Gruppe absolvierte ein Trainingsprogramm unter hoher Belastung, die andere das Alfredson-Protokoll (exzentrisches Training) (Parameter siehe Tabelle 1). Mechanische, strukturelle und funktionelle Parameter sowie die Patient-Reported Outcomes (VISA-A-Score-Fragebogen) wurden über 12 Wochen gemessen, um die Auswirkungen der Therapie auf die Unterschiede zwischen der betroffenen und der gesunden Seite zu untersuchen.
Merkmale
Alfredson- Gruppe
High-Load-Gruppe
Vorgehensweise
-Aufrechte Standposition –Übungen mit gestrecktem und gebeugtem Knie –Startposition: Der Vorfuß des betroffenen Beins wird auf eine Treppenstufe gesetzt, die Ferse wird unter vollem Körpergewicht in einer exzentrischen Phase von 3 Sekunden abgesenkt -Konzentrische Kontraktionen der Plantarflexoren nur durch das Zurückführen in die ASTE durch das gesunde Bein -Volles ROM wird in der exzentrischen Phase angestrebt
–Sitzposition am Boden mit gestreckten Knien und einer Schlinge, die um das Becken gelegt und mit einer Fußplatte versehen ist –Trainingslast basiert auf 90% des Mittelwerts aus fünf maximalen willkürlichen Kontraktionen (MVCs) –Startposition: Der Vorfuß (mit Schuhen) wird in die Fußplatte platziert, um isometrische Kontraktionen mit 90% MVC bei einem 90°-Winkel im OSG auszuführen
Aufwärmen
Kein Aufwärmen
-3 Sätze à 5 isometrische submaximale Plantarflexor-Kontraktionen -je 1 Min Pause dazwischen
Wiederholungen pro Einheit
-3 x 15 Wdh. mit gestrecktem Knie -3 x 15 Wdh. mit gebeugtem Knie
-5 x 4 Wdh -3 Sek Belastung bei 90% MVC, gefolgt von 3 Sek Entlastung
Pausenzeit
1 Min nach jedem Satz
1 Min nach jedem Satz
Trainingsfrequenz
2x pro Tag
4x pro Woche
Schmerz
-bis zu 5/10 (NRS-Skala) für Schmerz während der Übung -bis zu 3/10 für andere Aktivitäten
-bis zu 5/10 (NRS-Skala) für Schmerz während der Übung -bis zu 3/10 für andere Aktivitäten
Optionale Progression
-bis zu 5% Laststeigerung pro Woche -Progression nach 2 Wochen erlaubt, nur wenn der Schmerz <6/10 und die Anstrengung <3/10 auf der NRS-Skala liegt
-bis zu 5% Laststeigerung pro Woche -Progression nach 2 Wochen erlaubt, nur wenn der Schmerz <6/10 und die Anstrengung <3/10 auf der NRS-Skala liegt
Tabelle 1: Merkmale der beiden therapeutischen Maßnahmen aus der Studie: Exzentrische Übungen (d. h. das Alfredson-Protokoll) und Übungen mit hoher Belastung.
// ERGEBNISSE
Die betroffene Sehne zeigte vor der Therapie eine signifikant geringere Sehnenkraft, geringere Sehnenbelastbarkeit, eine größere Querschnittsfläche und eine erhöhte Vaskularisation im Vergleich zur gesunden Seite. Nach 12 Wochen führte das Training mit hoher Belastung zu einer Zunahme der funktionellen Unterschiede im Sprungkrafttest, wobei eine Verbesserung der Symptome mit einer Reduktion der Asymmetrie korrelierte. In der Alfredson-Gruppe korrelierten Symptomverbesserungen mit einer Reduktion der Sprungkraft-Asymmetrie und einer Zunahme der Sehnensteifigkeit.
// DISKUSSION
Die betroffene Sehne wies im Vorfeld signifikante strukturelle und funktionelle Unterschiede im Vergleich zur gesunden Sehne auf. Die Trainingsprogramme führten jedoch nicht konsistent zu einer Verringerung dieser Unterschiede. Dies deutet darauf hin, dass eine Verbesserung der Symptome nicht zwangsläufig mit der Reduktion struktureller Unterschiede einhergeht. Es ist zudem fraglich, ob die nichtbetroffene Seite wirklich als „physiologisch“ angesehen werden kann, da Studien zeigen, dass auf beiden Seiten motorische Veränderungen auftreten können. Da möglicherweise beide Seiten beeinträchtigt sind, hätten Vergleiche mit gesunden Kontrollpersonen zusätzliche Erkenntnisse gebracht. Zudem wurde die Studie nur mit männlichen Patienten durchgeführt, wodurch die Übertragbarkeit auf Patientinnen eingeschränkt ist.
// KONKLUSION
Bei Achillessehnen-Tendinopathien unterscheiden sich die betroffene und die asymptomatische Seite zwar signifikant, doch die Bedeutung dieser Asymmetrie für die Sehnengesundheit bleibt unklar. Therapeutische Übungen reduzieren die Asymmetrien nur geringfügig, was darauf hinweist, dass diese Unterschiede nicht unbedingt den Heilungsfortschritt widerspiegeln. Eine Entscheidung über die Rückkehr zum Sport sollte daher nicht allein auf die Reduktion oder das Vorhandensein von Asymmetrien gestützt werden. Basisdaten vor der Verletzung könnten jedoch hilfreiche Referenzwerte liefern.
B.Sc. | Physiotherapeutin & Fachredakteurin bei DIGOTOR
Katrin hat Präventions-, Therapie- und Rehabilitationswissenschaften studiert, jahrelang in der Orthopädie gearbeitet und liebt es, Menschen auf dem Weg zurück in Bewegung, Sport und Alltag zu begleiten. Bei DIGOTOR bringt sie aktuelle Forschung auf den Punkt – mit der festen Überzeugung, dass Evidenz und eine gute Therapeuten-Patienten-Beziehung kein Widerspruch sind, sondern untrennbar zusammengehören.