>> Nicht das Übungssystem entscheidet über die Gelenkbelastung, sondern die konkrete biomechanische Ausgestaltung der jeweiligen Übungsform.
// HINTERGRUND
Der M. quadriceps femoris gilt als Schlüsselmuskel für die Funktionsfähigkeit und Gesundheit des Kniegelenks. Er beeinflusst maßgeblich hochrelevante Outcomes wie die Geh-, Lauf- und Sprungfunktion sowie den Erhalt des Gelenkknorpels. Dennoch bestehen in der Rehabilitation häufig massive Kraftdefizite, beispielsweise nach Kreuzbandrekonstruktionen oder bei Kniegelenksarthrosen. Lange Zeit wurden Übungen in der offenen kinetischen Kette (OKK), wie das isolierte Training am Kniestrecker, kritisch gesehen oder aufgrund von Mythen über vermeintlich schädliche Scherkräfte gänzlich abgelehnt. Diese Übersichtsarbeit analysiert die biomechanischen Fakten, um Licht in das „therapeutische Dunkel“ des Kniestreckertrainings zu bringen.
// METHODIK
Die vorliegende narrative Übersichtsarbeit untersucht biomechanische und neuromuskuläre Aspekte des Kniestreckertrainings vor dem Hintergrund verschiedener Pathologien. Analysiert wurden tibiofemorale Scher- und Kompressionskräfte sowie patellofemorale Belastungsmuster in der offenen und geschlossenen kinetischen Kette (GKK). Die Arbeit leitet daraus indikationsspezifische Empfehlungen ab.
// ERGEBNISSE
Die zentralen Befunde zeigen, dass die Gelenkbelastung stark vom Kniewinkel abhängt:
- Scherkräfte: Beim Quadrizepstraining in der OKK treten nach ventral gerichtete Scherkräfte (VKB-Belastung) primär im Bereich von 0–45°/60° Flexion auf. In Beugewinkeln über 60° kehrt sich die Kraftrichtung nach posterior um, was das hintere Kreuzband (HKB) beansprucht.
- Kompressionskräfte: Die patellofemorale Belastung ist bei Übungen in der OKK vom Drehmoment der Last abhängig. Im Kniestrecker ist die Belastung dadurch über das ROM relativ homogen. Wird mit einer Gewichtsmanschette gearbeitet, steigt die Belastung in Extension an. In Flexion besteht durch den kürzeren Hebelarm und das geringere Drehmoment der Last eine geringere Belastung. In der GKK (z. B. Squat) ist sie extensionsnah gering und steigt in der Beugung sukzessive an.
- Muskelaktivierung: Das Training am Kniestrecker aktiviert den M. rectus femoris selektiver als Übungen im geschlossenen System. Ein Hüftflexionswinkel von 40° („nach hinten lehnen“) führt zu einer signifikant höheren Hypertrophie des Rectus femoris im Vergleich zu einem aufrechten Sitz bei 90°.
- Spezifische Belastung: Eine proximale Applikation des Widerstands am Kniestrecker kann die anterioren Scherkräfte in frühen Phasen der VKB-Reha reduzieren.
// DISKUSSION
Wissenschaftlich gesehen ist die strikte Trennung in „funktionell“ (GKK) und „unfunktionell“ (OKK) ein falsches Dogma. Auch isoliertes Training kann hochfunktionell sein, wenn es die notwendige Kraftkapazität für Alltags- oder Sportanforderungen (z. B. Abstoppbewegungen) erst ermöglicht. Die Studie diskutiert zudem Limitationen: Unterschiedliche Messmethoden (Modelle vs. In-vivo-Messungen) erschweren die direkte Vergleichbarkeit der Belastungswerte. Zudem ist die Evidenz für eine gezielte Akzentuierung einzelner Vasti-Anteile (z. B. VMO) bzw. deren Notwendigkeit, weiterhin nicht überzeugend.
// KONKLUSION
Therapeut*innen sollten Quadrizepsdefizite frühzeitig und gezielt adressieren, da sie Langzeit-Outcomes limitieren. Für die Praxis bedeutet das:
- VKB-Reha: Kniestreckertraining ist ab der 4. Woche sicher, wenn man initial den Bereich 90–45° Flexion nutzt.
- HKB-Reha: Hier sollte die tiefe Flexion initial gemieden und ein distaler Lastangriffspunkt gewählt werden.
- Hypertrophie-Hacks: Nutze 40° Hüftflexion für ein besseres Training des Rectus femoris. Außerdem spielt für die maximale Kraftentwicklung des Quadrizeps die Position des oberen Sprunggelenks eine überraschende Rolle. Ein Training in Dorsalflexion führt laut Studien zu einer um 29 % höheren Kraftentwicklung im Vergleich zur Plantarflexion.
Entscheidend ist nicht das System, sondern die Steuerung der Belastung über ROM und Übungssetup.
// QUELLE
Zebisch J, Diemer F. Der Kniestrecker in der muskuloskelettalen Rehabilitation. Sportphysio 2026; 14: 1–12.
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