Ist die konservative Therapie bei Erstluxation der Patella noch zeitgemäß?

Ein pauschales konservatives Vorgehen nach Erstluxation der Kniescheibe gilt als veraltet.


>> Der formale ESSKA-Konsensus empfiehlt eine individuell risikostratifizierte Entscheidung auf Basis von Klinik, MRT-Bildgebung und anatomischen Risikofaktoren.

// HINTERGRUND

Die Erstluxation der Patella bildet den Ausgangspunkt der objektiven Patellainstabilität. Während früher die konservative Behandlung pauschal als Standard galt, zeigen die Daten des Konsensus ein anderes Bild:  Nach konservativer Erstversorgung erleiden mindestens 25 % der PatientInnen eine erneute Luxation (bei Kindern und Jugendlichen sogar bis zu 70 %). Zudem berichtet die Hälfte aller Betroffenen (50 %) von anhaltenden Beschwerden wie Schmerzen, Ergüssen, Instabilitätsgefühlen („Giving way“) und einer verringerten Lebensqualität – unabhängig davon, ob es zu einer erneuten Luxation kam. Ausgangspunkt des Konsensusprojekts der European Society of Sports Traumatology, Knee Surgery & Arthroscopy (ESSKA) war die Notwendigkeit, eine evidenzbasierte Orientierungshilfe für Diagnostik und Therapie im europäischen Raum zu schaffen.

// METHODIK

Am Konsensusprozess waren 54 orthopädische ChirurgInnen und 1 PhysiotherapeutIn aus 20 europäischen Ländern beteiligt. Nach der formalen Methodik der französischen Gesundheitsbehörde (HAS) wurden 32 spezifische Fragen formuliert und mittels systematischer Literaturrecherchen sowie mehrstufiger Befragungen bewertet. Die Konsensus-Aussagen wurden je nach Evidenzlage von Grad A (hohe Evidenz) bis Grad D (Expertenmeinung) klassifiziert.

// ERGEBNISSE

Eine akute MRT-Untersuchung wird nach Erstluxation der Patella als obligatorisch eingestuft, um osteochondrale Frakturen zu erkennen und anatomische Risikofaktoren (wie Trochleadysplasie, Patella alta oder erhöhten TT-TG-Abstand (=Tuberositas-tibiae-Trochlea-Groove-Abstand)) zu erfassen. Ein wichtiges Ergebnis: Es besteht eine inverse Korrelation zwischen der Trauma-Intensität und den anatomischen Risikofaktoren – ein Bagatelltrauma deutet meist auf ausgeprägtere anatomische Abweichungen hin.

Das von der ESSKA empfohlene Testprotokoll umfasst:

  • J-Sign: Beurteilung des lateralen Abweichens der Patella bei aktiver Knieextension nahe der Endstreckung (verursacht durch fehlende Führung der Trochlea, Patella alta oder MPFL-Insuffizienz).
  • Apprehension Test & Reversed Dynamic Patellar Apprehension Test: Überprüfung von Instabilitätsangst und objektivem Verschiebeverhalten.
  • Patellar Glide Test: Manuelle Verschieblichkeit der Patella nach medial und lateral.
  • Beinachsen- und Torsionsbeurteilung:
    • In der Start-/Stehposition: Visuelle Prüfung auf Valgus und Innenrotation.
    • In BL: Testung der Hüft-/Oberschenkelrotation bei 90° Knieflexion; eine Innenrotation von > 70° weist auf eine erhöhte Femur-Antetorsion hin.
    • In RL: Prüfung von aktiver/passiver ROM und Schmerzpunkten entlang des MPFL-Verlaufs.

Obwohl die isolierte wissenschaftliche Reliabilität einzelner Tests in der Literatur diskutiert wird, betont die ExpertInnengruppe ausdrücklich, dass dieses Testprotokoll unverzichtbar ist, um das Ausmaß der Instabilität einzuschätzen und die gezielte Bildgebung (MRT) einzuleiten.

Knorpel- oder osteochondrale Fragmente im patellofemoralen Kontaktbereich sollten ab einer Größe von ≥1cm² operativ refixiert werden. Eine rein konservative Therapie wird nur bei PatientInnen ohne Knorpelschäden und mit geringem Rezidivrisiko empfohlen. Bei hohem Instabilitätsrisiko oder anhaltenden Symptomen ist die chirurgische Intervention die primäre Option. Hierbei zeigt die MPFL-Rekonstruktion signifikant bessere Ergebnisse und niedrigere Rezidivraten als eine MPFL-Naht. Liegen relevante knöcherne Fehlstellungen vor, wird deren zeitgleiche Korrektur unterstützt. Eine Ruhigstellung mittels starren Orthesen bringt keinen nachgewiesenen Langzeitnutzen gegenüber einer funktionellen Reha.

Trotz fehlender starker wissenschaftlicher Evidenz empfiehlt die Konsensusgruppe Physiotherapie als notwendige Ergänzung sowohl bei operativer als auch bei konservativer Versorgung (Grad C). Inhaltlich fokussiert die Physiotherapie nicht nur auf die Kräftigung der Quadrizeps- und Glutealmuskulatur, sondern ebenso auf Wiederherstellung der Gelenkbeweglichkeit, Gangschule, funktionelle neuromuskuläre Kontrolle und indikationsbezogenes sportartspezifisches Training.

// DISKUSSION

Der Konsensus markiert den Paradigmenwechsel weg von der universellen konservativen Erstrehabilitation hin zur gezielten Risikostratifizierung. Als Limitationen nennt der Artikel die hohe Heterogenität bestehender Vergleichsstudien sowie methodische Mängel in der Reha-Literatur: Oft fehlen exakte Beschreibungen der physiotherapeutischen Dosierung (Sätze, Wiederholungen, Lasten) sowie Kontrollgruppen ohne Intervention. Für künftige Studien wird der Einsatz krankheitsspezifischer PROMs wie des Banff Patella Instability Instrument 2.0 (BPII 2.0) oder des Norwich Patellar Instability Score (NPI) empfohlen.

Zudem führen die AutorInnen den zeitlichen Aspekt als Limitation an: Da sich der Konsensusprozess über 3 Jahre erstreckte, konnten nach Abschluss der Literaturrecherche (Endpunkt Mai 2022) neu erschienene Arbeiten nicht mehr aufgenommen werden.

// KONKLUSION

Für die Praxis bedeutet das:

  1. Frühzeitige MRT-Diagnostik: Nach Erstluxation der Patella ist eine zügige Bildgebung notwendig, um Knorpelfrakturen ab 1cm² und anatomische Risikofaktoren abzuklären.
  2. Keine Pauschaltherapie: Behandlungsentscheidungen müssen individuell auf Basis von Risikoprofil, Symptomlast und Bildgebung getroffen werden.
  3. Gezielte Reha: Physiotherapie ist ein essenzieller Bestandteil sowohl bei konservativer als auch bei postoperativer Versorgung und ist trotz geringer Studien-Evidenz essenziell. Auf starre Schienen kann zugunsten einer funktionellen Nachbehandlung verzichtet werden.

// QUELLE

Blønd L, Askenberger M, Stephen J et al. Management of first-time patellar dislocation: The ESSKA 2024 formal consensus-Part 1. Knee Surg Sports Traumatol Arthrosc. 2025; 33 (5): 1925-1932.

Balcarek P, Blønd L, Beaufils P et al. Management of first-time patellar dislocation: The ESSKA 2024 formal consensus-Part 2. Knee Surg Sports Traumatol Arthrosc. 2025; 33 (12): 4197-4206.

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Katrin Veit

Katrin Veit

B.Sc. | Physiotherapeutin & Fachredakteurin bei DIGOTOR

Katrin hat Präventions-, Therapie- und Rehabilitationswissenschaften studiert, jahrelang in der Orthopädie gearbeitet und liebt es, Menschen auf dem Weg zurück in Bewegung, Sport und Alltag zu begleiten. Bei DIGOTOR bringt sie aktuelle Forschung auf den Punkt – mit der festen Überzeugung, dass Evidenz und eine gute Therapeuten-Patienten-Beziehung kein Widerspruch sind, sondern untrennbar zusammengehören.