Lässt sich der M. vastus medialis wirklich isoliert ansteuern?

>> Eine selektive Aktivierung ist unter spezifischen Bedingungen möglich, beschränkt sich jedoch primär auf den proximalen Anteil des Muskels.

// HINTERGRUND

In der funktionellen Anatomie des Quadrizeps werden der M. vastus medialis (VM) und der M. vastus lateralis (VL) traditionell als synergistisches Paar betrachtet, das durch einen weitgehend gemeinsamen neuronalen Input gesteuert wird. Dieser geteilte Input begrenzt theoretisch die Freiheitsgrade und die verfügbaren motorischen Kontrollstrategien für die Kniestreckung und Patellastabilität. Dennoch gibt es Hinweise darauf, dass subregionale Bereiche dieser Muskeln unabhängig kontrolliert werden könnten. Die klinische Relevanz liegt in der Möglichkeit, durch gezieltes Training die Patellaführung zu modulieren oder Gelenkbelastungen umzuverteilen. Die vorliegende Studie untersuchte, ob Menschen den neuronalen Input zu VM und VL während isometrischer Kontraktionen willkürlich trennen können.

// METHODIK

An der Untersuchung nahmen 10 gesunde Personen (6 Männer, 4 Frauen) teil. Mittels mehrerer intramuskulärer EMG-Elektroden, die in verschiedene Regionen (proximal und distal) von VM und VL eingeführt wurden, erhielten die Teilnehmenden ein Echtzeit-Feedback über die Muskelaktivität. Über eine spezielle Schnittstelle wurde die Amplitude visuell dargestellt. Die Aufgabe bestand darin, entweder den VM oder den VL selektiv zu aktivieren, während die Aktivität des jeweils anderen Muskels minimiert werden sollte. Als Kontrollbedingung dienten standardisierte rampenförmige Kraftanstiege ohne EMG-Feedback.

// ERGEBNISSE

9 von 10 Teilnehmenden waren in der Lage, die Aktivität von VM und VL basierend auf dem EMG-Feedback willkürlich zu trennen. Die zentralen Befunde im Detail:

  • Regionalspezifische Selektivität: Eine selektive Rekrutierung einzigartiger motorischer Einheiten war fast ausschließlich im proximalen Bereich des VM möglich.
  • Funktionelle Kopplung: Während des Feedbacks war die Korrelation zwischen proximalem VM und distalem VL mit r = 0,13 sehr gering. Im Gegensatz dazu zeigten der distale VM und der VL eine weiterhin starke Kopplung (r = 0,69).
  • Kontrollbedingung: Ohne spezielles Feedback (Rampenkontraktion) war die Aktivität über alle Regionen hinweg hoch korreliert (r > 0,85). Das heißt, unter Normalbedingungen (beim herkömmlichen Kraftaufbau ohne Feedback) arbeiteten alle untersuchten Muskelanteile fast vollkommen synchron zusammen.
  • Kraftrichtung: Die selektive Ansteuerung führte zu einer messbaren Veränderung der Kraftrichtung am Unterschenkel mit einer mittleren winkeligen Abweichung von 34 ± 19° zwischen VM- und VL-fokussierten Aufgaben.

// DISKUSSION

Die Ergebnisse zeigen, dass der neuronale Input zum Quadrizeps nicht auf ein starres, gemeinsames Kommando beschränkt ist. Stattdessen existieren „latente Kontrollbereiche“, insbesondere im proximalen VM, die durch gezieltes Feedback zugänglich gemacht werden können. Diese subregionale Spezialisierung des proximalen VM korrespondiert mit seiner besonderen Anatomie und Innervation (schrägere Faserorientierung, separate motorische Zweige).

// LIMITATIONEN

Die selektive Aktivierung wurde nur bei isometrischen Kontraktionen mit geringer Kraft nachgewiesen. Ob diese Form der Kontrolle auch bei dynamischen funktionellen Aufgaben wie Gehen oder Treppensteigen möglich ist, bleibt offen.

// KONKLUSION

Der M. vastus medialis ist kein homogen gesteuerter Muskel. Für die therapeutische Praxis bedeutet dies:

  1. Gezielte Ansteuerung: Durch lokales EMG-Feedback können Patient*innen lernen, den proximalen Anteil des VM bevorzugt zu aktivieren.
  2. Biofeedback nutzen: Im Alltag feuern unsere Muskeln immer im festen Team. Um diese Teamarbeit aufzubrechen und einzelne Anteile isoliert zu trainieren, brauchen wir technische Hilfe wie EMG-Biofeedback.
  3. Individuelle Strategien: Es gibt nicht die „eine“ richtige Bewegung. Gib den Patient*innen unter Biofeedback-Kontrolle Zeit, eigene Strategien (z. B. über veränderten Fußdruck oder leichte Rotationen) zu entdecken.
  4. Chance für die Therapie: Wenn Patient*innen lernen, den VM gezielter einzusetzen, lässt sich möglicherweise der Lauf der Patella verbessern oder die Belastung im Kniegelenk besser verteilen.

// QUELLE

Haller D, Beermann F, Sîmpetru RC et al. Voluntary Dissociation of Motor Unit Activity in the Vastii Muscles. Journal of Neuroscience 2026; 46 (21): e1982252026

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Katrin Veit

Katrin Veit

B.Sc. | Physiotherapeutin & Fachredakteurin bei DIGOTOR

Katrin hat Präventions-, Therapie- und Rehabilitationswissenschaften studiert, jahrelang in der Orthopädie gearbeitet und liebt es, Menschen auf dem Weg zurück in Bewegung, Sport und Alltag zu begleiten. Bei DIGOTOR bringt sie aktuelle Forschung auf den Punkt – mit der festen Überzeugung, dass Evidenz und eine gute Therapeuten-Patienten-Beziehung kein Widerspruch sind, sondern untrennbar zusammengehören.