VKB-OP mit Hamstring-Graft:

Können wir wirklich wiederaufbauen, was entnommen wurde?


>> Die Entnahme der Hamstring-Sehne bei der Vordere-Kreuzband-Rekonstruktion (VKB-R) führt trotz hoher Regenerationsraten zu dauerhaften morphologischen Muskelveränderungen. Eine isolierte Kraftmessung im Sitzen verschleiert funktionelle Defizite, weshalb adaptierte Reha- und Teststrategien erforderlich sind.

// HINTERGRUND

Bei etwa 50 % aller primären VKB-Rekonstruktionen kommt ein Autograft der Hamstring-Sehne (HT) – meist der Semitendinosus-Sehne (ST) allein oder kombiniert mit der Gracilis-Sehne (GR) – zum Einsatz. Die Sehnenentnahme entspricht biologisch einer vollständigen distalen Sehnenruptur. Da die Kniebeuger wichtige Synergisten des VKB darstellen, indem sie die anterior-tibiale Translation hemmen und das mediale Kompartiment stabilisieren, ist das Verständnis der strukturellen und funktionellen Folgen der Entnahme klinisch hochrelevant.

// METHODIK

Die Autoren führten ein narratives Review durch. Sie durchsuchten die Datenbanken Web of Science, PubMed und AMED bis April 2026 nach Studien zu Sehnenregeneration, Muskelmorphologie, Kraftdiagnostik und Rehabilitation nach VKB-R mit HT-Graft. Die zeitlichen Abläufe der Regeneration und die Empfehlungen für die Rehabilitation wurden grafisch zusammengefasst (siehe Abbildung 1 und 2).

// ERGEBNISSE

  • Sehnenregeneration: In 70 – 86 % der Fälle regenerieren die entnommenen ST- und GR-Sehnen. Erste sehnenartige Strukturen sind nach 6 Wochen sichtbar; nach 6 bis 12 Monaten erreicht die regenerierte Sehne meist wieder ihren ursprünglichen Ansatzpunkt am Schienbein (Pes anserinus) (siehe Abbildung 1).
  • Morphologische Alterationen: Trotz Regeneration zeigen sich deutliche Defizite im operierten Bein: Das ST-Muskelvolumen ist um 30 – 40 % vermindert, der ST-Muskelbauch ist im Schnitt um 8,1 cm (25 %) verkürzt (bei fehlender Regeneration bis zu 12 cm). Zudem bestehen verkürzte Faszikellängen und eine vermehrte fettige Infiltration, die noch 9 – 11 Jahre postoperativ nachweisbar sind (ST- und GR-Volumen verbleiben bei nur 58 % bzw. 54 % der Gegenseite).
  • Diagnostische Verschleierung: Herkömmliche isokinetische Krafttests im Sitzen zeigen nach 1 Jahr oft eine vermeintlich gute Erholung mit einem Limb Symmetry Index (LSI) von ~90 %. Exzentrische Tests (z. B. NordBord) enthüllen jedoch LSI-Werte, die ~10 % niedriger liegen. Bei tiefen Kniebeugewinkeln und gestrecktem Hüftgelenk fällt der LSI massiv ab (z. B. 91 % LSI bei 30° vs. 73 % LSI bei 105° und 56 % LSI bei 120° Kniebeugung), da die verbleibenden Synergisten (Biceps femoris, Semimembranosus) den Verlust des ST bei langen Muskellängen mechanisch nicht kompensieren können.

// DISKUSSION

Im wissenschaftlichen Kontext zeigen die Ergebnisse, dass die Wiederherstellung der Kniebeugekraft nicht anhand einer einzelnen Testposition bewertet werden kann. Die Studie nennt folgende eigene Limitationen:

  1. Als narratives Review war die Literaturrecherche nicht systematisch-umfassend, und es wurden keine vordefinierten Einschlusskriterien oder formalen Risk-of-Bias-Bewertungen angewendet.
  2. Die Orientierung am LSI (Vergleich mit dem unverletzten Bein) kann durch bilaterale Anpassungen nach der Verletzung getäuscht werden.
  3. Es fehlen Interventionsstudien, die den direkten Effekt von spezifischem Krafttraining auf die Muskelmorphologie nach VKB-R untersuchen; die Reha-Empfehlungen basieren daher primär auf klinischem Reasoning.
  4. Hohe Heterogenität der Studienpopulationen und Reha-Protokolle ohne quantitative Meta-Analyse.

// KONKLUSION

Die 3 wichtigsten Kernbotschaften für den Behandlungsalltag:

  • Mehrpositionen-Kraftdiagnostik etablieren: Krafttests im Sitzen reichen nicht aus. Um verbliebene Defizite von ST und GR aufzudecken, müssen Kraft und Symmetrie in tiefen Beugewinkeln sowie in Positionen mit gestrecktem Hüftgelenk (z. B. NordBord oder Bauchlage) evaluiert werden.
  • Frühzeitige, symptomgesteuerte Belastung nutzen: Eine postoperative Immobilisation bringt keinen Vorteil für die Sehnenregeneration. Isometrische und niederschwellige Belastungen können ab Woche 3–4 (Schmerz ≤ 3/10) sicher eingesetzt werden.
  • Gezielte Exzentrik und Winkelspektrum integrieren: Übungen in Hüftflexion (z. B. sitzender Leg-Curl) fördern die ST-Aktivierung. Progressive exzentrische Reize (wie Nordic Hamstring Exercises) sollten genutzt werden, um verkürzte Faszikellängen strukturell zu verlängern.

// QUELLE

Högberg J, Wernbom M, Senorski EH. Can we rebuild what has been taken? A narrative review of biological and functional consequences of hamstring tendon harvest in ACL surgery. Sci Prog 2026; 109(3): 1–18.

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Katrin Veit

Katrin Veit

B.Sc. | Physiotherapeutin & Fachredakteurin bei DIGOTOR

Katrin hat Präventions-, Therapie- und Rehabilitationswissenschaften studiert, jahrelang in der Orthopädie gearbeitet und liebt es, Menschen auf dem Weg zurück in Bewegung, Sport und Alltag zu begleiten. Bei DIGOTOR bringt sie aktuelle Forschung auf den Punkt – mit der festen Überzeugung, dass Evidenz und eine gute Therapeuten-Patienten-Beziehung kein Widerspruch sind, sondern untrennbar zusammengehören.