Sind unsere Kriterien für den Laufbeginn nach VKB-Rekonstruktion wissenschaftlich haltbar?

Viele TherapeutInnen stützen sich beim „Return to Running“ auf etablierte Testbatterien und Symmetrieindizes – doch wie viel Evidenz steckt wirklich hinter den gängigen Cut-off-Werten für den sicheren Wiedereinstieg?


Nur wenige klinische Parameter und spezifische absolute Kraftwerte halten einer wissenschaftlichen Validierung als Prädiktoren für den Laufstart derzeit stand.

// HINTERGRUND

Laufsport ist mit über 20 Millionen Aktiven in Deutschland eine zentrale Säule der Gesundheitsförderung. Nach einer Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes (VKB) markiert die Rückkehr zum Laufen (Return to Running, RTR) einen entscheidenden Meilenstein beim Übergang von der impairment-basierten Therapie hin zu sportartspezifischen Zielen. Obwohl eine kriterienbasierte Rehabilitation gefordert wird, zeigt die Literatur, dass in 99 % der Fälle lediglich zeitliche Faktoren für den Laufbeginn genannt werden und nur in 18 % der Fälle objektive Kriterien zum Einsatz kommen. Diese Diskrepanz ist klinisch bedeutsam, da eine rein zeitbasierte Freigabe das Risiko birgt, die individuelle Belastbarkeit des Kniegelenks nicht ausreichend zu berücksichtigen. In diesem Zusammenhang wird diskutiert, ob eine mangelhafte Belastungssteuerung das Entstehen von Beschwerden im vorderen Kniebereich begünstigen kann, die als häufige Begleiterscheinung nach VKB-Operationen auftreten und im ungünstigsten Fall als Vorbote einer posttraumatischen Arthrose gelten. Ob hierbei jedoch die verfrühte Belastung selbst oder vielmehr die biomechanischen Folgen des initialen Traumas die primäre Rolle spielen, bleibt Gegenstand der wissenschaftlichen Diskussion.

// METHODIK

Die Autoren führten eine systematische Literaturrecherche in MEDLINE durch, wobei der Fokus auf dem Zeitraum nach 2018 lag. Inkludiert wurden Befragungen von ÄrztInnen und TherapeutInnen zur gängigen Praxis sowie klinische Studien, welche die prädiktive Validität dieser Kriterien evaluierten. Insgesamt wurden 10 Arbeiten analysiert: 5 ExpertInnenbefragungen und 5 Validierungsstudien.

// ERGEBNISSE

In ExpertInnenbefragungen herrscht Einigkeit über den Faktor Zeit (≥ 12–16 Wochen postoperativ) sowie über klinische Mindestvoraussetzungen wie Schmerzfreiheit (NRS 0–2), minimale Schwellung und ein ausreichendes Bewegungsausmaß (ROM: 0° Extension, 130° Flexion).

Die Analyse der Validierungsstudien ergab jedoch, dass viele empfohlene funktionelle Tests eine unzureichende prädiktive Aussagekraft besitzen. Als valide Prädiktoren für einen erfolgreichen Laufstart konnten lediglich folgende Parameter identifiziert werden (siehe Tabelle 1):

  • Absolute Quadrizepskraft: 1,45 – 1,6 Nm pro kg Körpergewicht
  • Quadrizeps-LSI (Limb Symmetry Index): Werte > 60 % unterstützen die Entscheidung
  • Subjektive Scores: Ein IKCD-Wert (subjektive Subskala) von > 63,7 Punkten erhöht die Wahrscheinlichkeit für einen erfolgreichen Start um das 3,11-fache

Überraschenderweise hatten Ergebnisse in Balancetests (mSEBT) oder komplexe funktionelle Testbatterien in den vorliegenden Studien keine signifikante prädiktive Aussagekraft für den Erfolg des Laufbeginns.

KriteriumZielwert / Anforderung
ZeitraumFrühestens 12.–16. Woche postoperativ
SchmerzNRS 0–2 (während und nach Belastung)
SchwellungKeine oder nur minimale tastbare Schwellung
ROMVolle Extension (0°), Flexion ≥ 130°
Quadrizepskraft (absolut)1,45 – 1,6 Nm / kg Körpergewicht
Quadrizepskraft (LSI)> 60 % im Seitenvergleich
Subjektiv (IKCD)> 63,7 Punkte (subjektive Subskala)
Tabelle 1: Checkliste für RTR – basierend auf den validierten Parametern von Diemer et al. 2026

// DISKUSSION

Es zeigt sich eine signifikante Kluft zwischen ExpertInnenmeinung und wissenschaftlicher Absicherung. Viele in der Praxis genutzte Kriterien, wie etwa Sprungtests, sind bisher nicht validiert. Besonders hohe Hürden, wie ein LSI von ≥ 85–90 % bei Sprungtests, erscheinen für den frühen RTR-Prozess oft unrealistisch, da viele PatientInnen diese Werte selbst nach einem Jahr noch nicht erreichen. Während funktionelle Tests wertvolle Informationen über den Ist-Zustand motorischer Fähigkeiten liefern und die PatientInnenmotivation sowie die Adhärenz steigern, liefern sie momentan keine verlässliche Direktive als isolierte „Go/No-Go“-Schwelle.

// KONKLUSION

Für die Praxis lassen sich klare Minimalkriterien für die Wiederaufnahme von Laufbelastungen definieren: Klinische Schmerzfreiheit (NRS 0–2), keine wesentliche Schwellung, ein ROM von 0/130° sowie eine Quadrizepskraft von LSI > 60 % in Kombination mit absoluten Kraftwerten von ca. 1,5 Nm/kg. TherapeutInnen sollten funktionelle Testbatterien zur Trainingssteuerung nutzen, aber kritisch hinterfragen, wenn diese als starre Entscheidungshilfe für den Laufstart dienen sollen. Die wichtigste Richtschnur für die individuelle Progression bleibt die klinische Reaktion des Gelenks.

// ZUKÜNFTIGE PERSPEKTIVEN

Aufgrund der geringen Prävalenz von FAIS (n = 21) in der Kohorte sind die Konfidenzintervalle weit, weshalb die Stärke der Assoziation mit Vorsicht interpretiert werden sollte. Zudem bestand die Kohorte zu 80 % aus Frauen, was die Prävalenz der Cam-Morphologie beeinflusst haben könnte (da bei Männern häufiger). Die Verwendung ausschließlich von AP-Aufnahmen könnte die tatsächliche Prävalenz der Cam-Morphologie unterschätzt haben.

Aspekt/ParameterAktuelles ProblemZukünftige Relevanz & Empfehlung
Art des EingriffsPauschale Zeitangaben (12–16 Wochen) gelten primär für VKB-OPs.Bei knorpelregenerativen Eingriffen (z. B. MACT) verschiebt sich die Belastbarkeit auf 6 Monate oder mehr.
LaufgeschwindigkeitCut-offs werden oft unabhängig von der geplanten Geschwindigkeit gesetzt.Die Anforderungen für 8 km/h unterscheiden sich massiv von 14 km/h; Cut-offs müssen intensitätsabhängig definiert werden.
Kraftqualität (RTD)Fokus liegt fast nur auf der Maximalkraft (Peak Torque).Die Rate of Torque Development (Schnellkraft) ist entscheidender, da beim Laufen Kraft innerhalb von 150–300 ms generiert werden muss.
ZielmuskulaturVernachlässigung der synergetischen MuskelgruppenWadenmuskulatur (Triceps surae) und Hüftaußenrotatoren sollten als Kriterien einfließen.
TestformIsolierte Tests bilden nicht die Komplexität des Laufens ab.Synergistische Krafttests (z. B. Back Squat) haben oft eine höhere Korrelation zur Laufkinematik als isolierte Messungen.
Transplantat-TypCut-offs berücksichtigen selten die Entnahmemorbidität.Die Wahl des Transplantats (Hamstrings vs. Patellarsehne) beeinflusst die Kraftregeneration; spezifische Cut-offs könnten hier nötig sein.

// QUELLE

Diemer F, Schoch W, Sutor V, Zebisch J. Return to Running (RTR) nach Rekonstruktionen des vorderen Kreuzbandes – ein narrativer Review [Return to Running (RTR) after Knee Joint Surgery: a Narrative Review]. Sportverletz Sportschaden. 2026 Apr 29. German. doi: 10.1055/a-2808-1311. Epub ahead of print. PMID: 42057359.

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Katrin Veit

Katrin Veit

B.Sc. | Physiotherapeutin & Fachredakteurin bei DIGOTOR

Katrin hat Präventions-, Therapie- und Rehabilitationswissenschaften studiert, jahrelang in der Orthopädie gearbeitet und liebt es, Menschen auf dem Weg zurück in Bewegung, Sport und Alltag zu begleiten. Bei DIGOTOR bringt sie aktuelle Forschung auf den Punkt – mit der festen Überzeugung, dass Evidenz und eine gute Therapeuten-Patienten-Beziehung kein Widerspruch sind, sondern untrennbar zusammengehören.