Stellt die Hebetechnik ein Risiko für Knie-, Hüftgelenke oder die Wirbelsäule dar?

>> Die Hebetechnik beeinflusst nicht die Belastungshöhe, sondern die Belastungsrichtung an den Gelenken der unteren Extremität.

// HINTERGRUND

Das Heben schwerer Lasten birgt ein hohes Risiko für muskuloskelettale Erkrankungen. Zwei der häufigsten Hebetechniken sind das Heben aus der Hocke („Squat lifting“) und das Heben mit gestreckten Beinen („Stoop lifting“). In einer retrospektiven Studie untersuchte deshalb ein deutsches Forscherteam der Charité Berlin, wie sich diese beiden Techniken auf die in vivo Belastung der Knie-, Hüft- und Wirbelsäulengelenke auswirken.

// METHODIK

In einer retrospektiven Studie werteten sie die Daten von 14 Personen mit instrumentierten Knie-, Hüft- oder Wirbelsäulenimplantaten aus. Insgesamt wurden Daten von vier Patient*innen mit Wirbelkörperersatz, acht mit Hüftgelenksprothesen und zwei mit Kniegelenksprothesen analysiert. Die Teilnehmenden hoben eine 10 kg schwere Last entweder mit gebeugten („Squat“) oder gestreckten („Stoop“) Kniegelenken (siehe Abb.1). Die in vivo gemessenen Kontaktkräfte und ihre Richtung wurden statistisch ausgewertet, um Unterschiede zwischen den Hebetechniken festzustellen.

Abb. 1: Bender A, Schmidt H, Wellner DL et al. In vivo load on knee, hip and spine during manual materials handling with two lifting techniques. J Biomech. 2024; 163: 111963. CC BY-NC-ND 4.0 – https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/

// ERGEBNISSE

Die Belastungshöhe unterschied sich nicht signifikant zwischen den beiden Hebetechniken. Jedoch wurden signifikante Unterschiede in der Belastungsrichtung gefunden:

  • Hüftgelenk: Die Belastungsrichtung unterschied sich signifikant in der Frontal- und Sagittalebene.
  • Kniegelenk: Die Belastungsrichtung variierte signifikant in der Sagittalebene.
  • Wirbelsäule: Es wurden keine signifikanten Unterschiede in der Belastungshöhe oder -richtung festgestellt.

// DISKUSSION

Die Hebetechnik beeinflusst nicht die Belastungshöhe, sondern die Belastungsrichtung an den Gelenken der unteren Extremität. Squat-Lifting führt zu geringeren Biegemomenten, aber höheren Torsionsmomenten im Hüftgelenk, was langfristig das Risiko für Implantatlockerungen erhöhen könnte. Beim Kniegelenk kann Stoop-Lifting zu einer höheren medialen Belastung und damit einem höheren Risiko für mediale Kniegelenksprobleme führen. Die Messungen mit instrumentierten Implantaten erfolgten in bereits veränderten anatomischen Strukturen. Bei der Wirbelsäule könnten fusionierte Segmente die Lastverteilung beeinflussen. Die kleine Stichprobengröße, insbesondere bei der Wirbelsäule- und Knie-Implantat-Gruppe, schränkt die Aussagekraft der Ergebnisse ein. Zudem könnten höhere BMI-Werte einiger Teilnehmenden zu veränderten Bewegungsmustern geführt haben. Trotz dieser Einschränkungen bieten die Ergebnisse wertvolle Einblicke in die Auswirkungen der Hebetechniken auf Gelenkbelastungen.

// KONKLUSION

Verschiedene Hebetechniken haben keinen signifikanten Einfluss auf die Höhe der Gelenkbelastung, verändern jedoch die Belastungsrichtung, insbesondere in Knie- und Hüftgelenken.

// QUELLE

Bender A, Schmidt H, Wellner DL et al. In vivo load on knee, hip and spine during manual materials handling with two lifting techniques. J Biomech. 2024; 163: 111963.

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Katrin Veit

Katrin Veit

B.Sc. | Physiotherapeutin & Fachredakteurin bei DIGOTOR

Katrin hat Präventions-, Therapie- und Rehabilitationswissenschaften studiert, jahrelang in der Orthopädie gearbeitet und liebt es, Menschen auf dem Weg zurück in Bewegung, Sport und Alltag zu begleiten. Bei DIGOTOR bringt sie aktuelle Forschung auf den Punkt – mit der festen Überzeugung, dass Evidenz und eine gute Therapeuten-Patienten-Beziehung kein Widerspruch sind, sondern untrennbar zusammengehören.