Unterschätzte Beweglichkeit: Kann Dehnbarkeit vor Muskelschwund schützen?

>> Eine hohe körperliche Beweglichkeit sowie deren Verbesserung über die Zeit sind signifikant mit einem geringeren Risiko für Sarkopenie und Kraftverlust assoziiert.

// HINTERGRUND

Sarkopenie ist durch den progressiven Verlust von Muskelmasse und -kraft charakterisiert und stellt ein erhebliches Gesundheitsrisiko für ältere Menschen dar. Während Bewegung und Training allgemein als Grundpfeiler der Prävention gilt, liegt der Fokus meist auf Krafttraining. Die Rolle der körperlichen Beweglichkeit – definiert als die Fähigkeit, ein Gelenk durch seinen vollen Bewegungsumfang zu führen – wurde bisher wenig untersucht. Neuere Hinweise deuten jedoch darauf hin, dass Dehnübungen die Durchblutung und das Kapillarwachstum im Skelettmuskel fördern könnten, was den Muskelstatus positiv beeinflussen kann. Ziel dieser Studie war es, den Zusammenhang zwischen Beweglichkeit und Sarkopenie sowohl im Querschnitt als auch über einen Zeitraum von vier Jahren zu analysieren.

// METHODIK

Die Untersuchung basierte auf Daten von zwei prospektiven Kohorten (WELL-China und Lanxi) mit Teilnehmenden im Alter von 50 bis 80 Jahren.

  • Beweglichkeit: Gemessen mittels Sit-and-Reach-Test (SRT)
  • Muskelmasse: Erhoben durch Dual-Röntgen-Absorptiometrie (DXA) zur Berechnung des Skelettmuskelmasse-Index (SMI)
  • Muskelkraft: Ermittelt über die Handgriffstärke (HGS)
  • Sarkopenie-Definition: Gemäß den Kriterien der Asian Working Group for Sarcopenia (AWGS2), die sowohl niedrige Muskelmasse als auch niedrige Kraft erfordern.
  • Es wurden 9453 Querschnitts- und 1233 Längsschnitt-Teilnehmende eingeschlossen

// ERGEBNISSE

Die zentralen Befunde verdeutlichen eine starke Korrelation zwischen Beweglichkeit und Muskelgesundheit:

  • Querschnittsanalyse: Im Vergleich zu Personen mit geringer Beweglichkeit hatten Teilnehmende mit hoher Beweglichkeit ein um 42 % geringeres Risiko für niedrige Muskelmasse, ein um 38 % geringeres Risiko für niedrige Kraft und ein um 48 % geringeres Risiko für Sarkopenie.
  • Längsschnittanalyse: Eine hohe Ausgangsbeweglichkeit war nach vier Jahren mit einem signifikant niedrigeren Risiko für das Neuauftreten von Kraftverlust (OR 0,53) und Sarkopenie (OR 0,36) assoziiert.
  • Dynamische Veränderung: Jede Zunahme der Beweglichkeit um 1 cm innerhalb von vier Jahren war mit einer Risikoreduktion von 4 % für niedrige Muskelmasse, niedrige Kraft und Sarkopenie verbunden.
Abbildung 1: Häufigkeit von geringer Muskelmasse, geringer Muskelkraft und Sarkopenie in Abhängigkeit von der Flexibilitätskategorie (=Beweglichkeit) der Teilnehmenden zu Studienbeginn (n = 9.453).

// DISKUSSION

Die Studie liefert Hinweise darauf, dass die Verbindung zwischen Beweglichkeit und Sarkopenie kausaler Natur sein könnte. Als zugrunde liegende Mechanismen diskutieren die Autor*innen, dass eine gute Beweglichkeit körperliche Aktivität erleichtert und Stretching die vaskuläre Funktion sowie die Nährstoffversorgung des Muskels verbessert.

// LIMITATIONEN

Die Messung via SRT ist gelenkspezifisch und bildet primär die Beweglichkeit des unteren Rückens und der Hamstrings ab. Andere Regionen wie Nacken oder obere Extremitäten wurden nicht erfasst. Zudem sind alle Teilnehmende chinesischer Abstammung, was die Generalisierbarkeit einschränken könnte.

// KONKLUSION

Hohe körperliche Beweglichkeit kann vor dem Verlust von Muskelkraft und der Entwicklung einer Sarkopenie schützen. Für die therapeutische Praxis bedeutet das:

  1. Ergänzung des Trainings: Dehnübungen, Yoga oder Tai-Chi können als fester Bestandteil in Programme zur Sarkopenie-Prävention integriert werden, da sie einen unabhängigen Zusatznutzen zur allgemeinen körperlichen Aktivität bieten.
  2. Einfaches Monitoring: Der Sit-and-Reach-Test ist ein unkompliziertes Werkzeug, um Patient*innen mit einem erhöhten Risiko für zukünftigen Muskelschwund frühzeitig zu identifizieren.

// QUELLE

Gao P, Gan D, Li S et al. Cross-sectional and longitudinal associations between body flexibility and sarcopenia. J Cachexia Sarcopenia Muscle 2023; 14: 534–544.

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Katrin Veit

Katrin Veit

B.Sc. | Physiotherapeutin & Fachredakteurin bei DIGOTOR

Katrin hat Präventions-, Therapie- und Rehabilitationswissenschaften studiert, jahrelang in der Orthopädie gearbeitet und liebt es, Menschen auf dem Weg zurück in Bewegung, Sport und Alltag zu begleiten. Bei DIGOTOR bringt sie aktuelle Forschung auf den Punkt – mit der festen Überzeugung, dass Evidenz und eine gute Therapeuten-Patienten-Beziehung kein Widerspruch sind, sondern untrennbar zusammengehören.