Wie zuverlässig und valide sind Tests zur Überprüfung der motorischen Kontrolle der HWS?
>> Kombinationen von Tests bieten höchste Genauigkeit
// HINTERGRUND
Nackenschmerzen betreffen weltweit 30-79% der Bevölkerung jährlich, wobei nur 33-65% der Betroffenen nach einem Jahr vollständig genesen. Es gibt Hinweise, dass sich die Nackenmuskulatur nicht automatisch regeneriert, was zu häufigen Rückfällen führt. In den letzten 10 Jahren hat sich die Forschung zunehmend von strukturbezogenen Modellen hin zu psychosozialen Faktoren, wie dem Angst-Vermeidungsverhalten, und der sensomotorischen Kontrolle verlagert. Im Gegensatz jedoch zur LWS sind die verfügbaren motorischen Kontrolltests für die HWS sehr unterschiedlich, wenig untersucht und manchmal sehr kostspielig. Der Begriff „sensomotorische Kontrolle“ bezieht sich auf veränderte Bewegungsmuster, beeinträchtigten Gelenksinn und muskuläre Ungleichgewichte, die häufig bei Patient*innen mit Nackenschmerzsyndromen auftreten, selbst wenn diese schmerzfrei sind.
// METHODIK
Wissenschaftler aus Österreich und der Schweiz überprüften deshalb die Qualität und Auswahl der verfügbaren motorischen Kontrolltests für die HWS innerhalb eines systematischen Reviews (siehe Tabelle 1). Ebenso untersuchten sie die diagnostische Genauigkeit der aktuellen, wenig technisierten motorischen Kontrolltests. Sie führten eine Suche nach Studien zur Reliabilität und diskriminativen Validität in PubMed MEDLINE und im Cochrane Central Register of Controlled Trials gemäß dem PRISMA-Protokoll durch. Die Qualität der 17 einbezogenen Studien wurde mit dem Quality Appraisal for Reliability Studies (QAREL) und den Standards for Reporting Diagnostic Accuracy Studies (STARD) bewertet.
Testkategorien
Beschreibung
Zervikozephale propriozeptive Sensibilität und Gelenkpositionssinn-Fehler (JPSE)
Tests zur Bewertung der kinästhetischen Sensibilität und Fehler bei der Gelenkpositionserkennung.
Funktionstests der tiefen Halsmuskulatur
Tests zur Beurteilung der Funktionalität der tiefen Nackenmuskulatur.
Kopf-Auge-Koordinationstests
Tests zur Überprüfung der Koordination zwischen Kopf- und Augenbewegungen.
Bewegungskontrolltests
Tests zur Bewertung der Fähigkeit, aktive Bewegungen auszuführen und eine harmonische Segmentausrichtung mit geeigneter Muskelreaktion beizubehalten.
Tabelle 1: Grobe Unterteilung aller verfügbaren Tests in vier Hauptkategorien der motorischen Kontrolle nach Engelmann et al. 2024
// ERGEBNISSE
Zwei Bewegungskontrolltest-Batterien, eine Kopf-Auge-Koordinationstest-Batterie und der kraniozervikale Flexionstest erwiesen sich als besonders reliabel, valide, anwendbar und kosteneffektiv (Kappa- und ICC-Werte >0,8 für Reliabilität und AUC 0,83 für Validität).
// DISKUSSION
Die Hauptlimitation dieses Reviews liegt in den Auswahlkriterien. Tests, die spezielle technische Ausrüstung wie Ultraschall oder EMG erfordern, wurden ausgeschlossen. Daher konnten hochwertige Studien zu Tests wie dem „kraniozervikalen Flexionstest“, dem „Fly“, dem „Kopf-Neigungs-Reaktionstest“ und elektromagnetischen Bewegungssensorsystemen nicht berücksichtigt werden. Außerdem wurde bisher nur eine Studie zu jeder der Testbatterien veröffentlicht. Dennoch war das Verzerrungsrisiko im Vergleich zu allen anderen motorischen Kontrolltests der HWS deutlich geringer. Zudem ist die Anwendung dieser Tests komplett ohne technische Ausrüstung möglich, was die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit für die Mehrheit der Gesundheitsdienstleistenden zugänglich macht.
// KONKLUSION
Die besten Tests zur Bewertung der motorischen Kontrolle der HWS sind:
Kopf-Auge-Koordinationstest-Batterie von Della Casa et al. im Sitzen
Augenbewegungen in neutraler Position
Blickstabilitätstest
Sequentielle Kopf- und Augenbewegungen
Augenbewegungen bei 45° HWS-Rotation nach links
Augenbewegungen bei 45° HWS-Rotation nach rechts
Kombination von Bewegungskontrolltests von Elsig et al.
Extension des zervikothorakalen Übergangs
Protraktion-Retraktion
HWS-Rotation im VFST
Kraniozervikaler Flexionstest (CCFT)
Bewegungskontrolltest-Batterie von Segarra et al.
Zervikale Extension im VFST
Obere HWS-Rotation im VFST
Zervikale Flexion im VFST
Körper nach hinten Richtung Fersen bewegen im VFST
Zervikale Extension im Sitzen
Rückkehr in die Neutralposition aus der zervikalen Extension im Sitzen
Beidseitige Armflexion im Stand
Einseitige Armflexion im Stand
Kraniozervikaler Flexionstest (CCFT)
Vorgehensweise von Jull et al.
Diese Tests zeichnen sich durch herausragende Reliabilität und Validität in hochwertigen Studien aus und sind gleichzeitig praktisch für den klinischen Einsatz. Über 90 % der Testbewegungen können ohne spezielle Ausrüstung durchgeführt werden. Sie bieten Gesundheitsdienstleistern effektive, kostengünstige Werkzeuge, um Dysfunktionen der motorischen Kontrolle der HWS zu erkennen und gezielte Behandlungsstrategien zu entwickeln.
B.Sc. | Physiotherapeutin & Fachredakteurin bei DIGOTOR
Katrin hat Präventions-, Therapie- und Rehabilitationswissenschaften studiert, jahrelang in der Orthopädie gearbeitet und liebt es, Menschen auf dem Weg zurück in Bewegung, Sport und Alltag zu begleiten. Bei DIGOTOR bringt sie aktuelle Forschung auf den Punkt – mit der festen Überzeugung, dass Evidenz und eine gute Therapeuten-Patienten-Beziehung kein Widerspruch sind, sondern untrennbar zusammengehören.