Zurück auf den Platz nach VKB-Plastik

Bedeutet „Return to Play“ im Fußball wirklich die Rückkehr zum alten Leistungsniveau?


>> Obwohl 83 % der FußballerInnen nach einer vorderen Kreuzbandrekonstruktion wieder ins Training oder Spiel einsteigen, erreichen nur 60 % ihr Niveau von vor der Verletzung. Zudem erleiden 15 % eine erneute Ruptur, wobei Frauen und BreitensportlerInnen das höchste Risiko tragen.

// HINTERGRUND

Fußball ist weltweit die beliebteste Sportart, birgt jedoch ein hohes Risiko für Verletzungen des vorderen Kreuzbands (VKB). Diese Verletzungen beeinträchtigen nicht nur die sportliche Leistungsfähigkeit, sondern stellen mit einem durchschnittlichen Zeitverlust von 30–60 Tagen pro 1000 Stunden Spielbelastung eine enorme Belastung dar. Ziel dieses systematischen Reviews mit Metaanalyse war es, die genauen RTP-Raten, die Zeitdauer bis zum Wiedereinstieg sowie die Raten sekundärer Verletzungen spezifisch im Fußball zu quantifizieren und den Einfluss von Geschlecht und Leistungsniveau zu untersuchen.

// METHODIK

Dieser systematische Review wurde gemäß den PRISMA-Richtlinien durchgeführt und im PROSPERO-Register registriert. 5 elektronische Datenbanken wurden durchsucht. Eingeschlossen wurden Studien an FußballerInnen, die sich einer primären oder einer Revision-VKBR unterzogen hatten. Insgesamt wurden 39 Studien mit 7452 SpielerInnen (4752 Männer, 2700 Frauen; mittleres Alter: 24,1 ± 6,4 Jahre) eingeschlossen.

// ERGEBNISSE

Die Ergebnisse zeigen erhebliche Unterschiede zwischen dem reinen Wiedereinstieg und dem Erreichen des ursprünglichen Spielniveaus sowie klare geschlechtsspezifische Diskrepanzen:

  • Return to Play (RTP) & Zeit: Die RTP-Rate lag bei 83 %. Die mittlere Zeit bis zum ersten offiziellen Spiel betrug 9,1 Monate.
  • Rückkehr zum Vorverletzungsniveau: Nur 60 % der SpielerInnen erreichten ihr Niveau von vor der Verletzung.
  • Einfluss des Geschlechts: Männer erreichten signifikant häufiger ein RTP als Frauen (86 % vs. 72 %). Auch die Rate der Rückkehr zum Vorverletzungsniveau tendierte bei Männern höher (72 % vs. 53 %). Die Zeit bis zum RTP unterschied sich nicht signifikant (Männer: 9 Monate, Frauen: 10,2 Monate).
  • Einfluss des Leistungsniveaus: Profi-AthletInnen wiesen signifikant höhere RTP-Raten auf als Nicht-Profi-AthletInnen (93 % vs. 64 %).
  • Sekundäre VKB-Verletzungen: Die Gesamt-Re-Verletzungsrate lag bei 15 % (9 % ipsilateral, 10 % kontralateral). Ein signifikant höheres Risiko trugen Frauen (20 % vs. 13 % bei Männern) und BreitensportlerInnen (22 % vs. 12 % bei Profi-AthletInnen).

// DISKUSSION

Die Metaanalyse verdeutlicht die erhebliche Lücke zwischen dem bloßen Wiedereinstieg auf dem Platz und der tatsächlichen Rückkehr zur alten Leistungsfähigkeit. Profi-AthletInnen profitieren von einer exzellenten medizinischen und finanziellen Infrastruktur. Bei Frauen spielen neben physiologischen Unterschieden vor allem psychologische Faktoren eine Rolle. Eine erhöhte Kinesiophobie (Angst vor einer erneuten Verletzung) gilt in der Literatur als eine der Hauptbarrieren für ein erfolgreiches RTP.

// LIMITATIONEN

  • Limitationen der Primärstudien: Es zeigte sich eine erhebliche statistische Heterogenität durch unterschiedliche Operationstechniken, Transplantate (z. B. Patellarsehnen- vs. Semitendinosus-Sehnen-Autograft) und Reha-Protokolle. Zudem wiesen 23 der 38 nicht-randomisierten Studien ein hohes Bias-Risiko auf; die Evidenzsicherheit war durchgehend „sehr gering“.
  • Methodische Einschränkungen: Die Raten für RTP und die Rückkehr zum Vorverletzungsniveau könnten durch einen nachgewiesenen Publikationsbias überschätzt sein. Zudem erschweren die uneinheitlichen Definitionen von „RTP“ und „Rückkehr zum Vorverletzungsniveau“ über die verschiedenen Studien hinweg die Vergleichbarkeit. Daten zu heranwachsenden SpielerInnen waren rar.

// KONKLUSION

Für die Praxis bedeutet dies, dass eine Freigabe für das Mannschaftstraining oder den Wettkampf niemals rein zeitbasiert (z. B. nach Ablauf von 9 Monaten) erfolgen sollte. Die Entscheidung muss kriterienbasiert, funktionell und individualisiert getroffen werden und sowohl die physische Wiederherstellung als auch die psychologische Bereitschaft berücksichtigen. Da 2 von 5 SpielerInnen ihr altes Leistungsniveau verfehlen und das Risiko für Folgeschäden hoch ist, sind spezifisch angepasste Reha-Kriterien und ein begleitendes psychologisches Monitoring unverzichtbar.

// QUELLE

Liu W, Tan Z, Li W, Qin Z, Krustrup P, Li W. High return to play but low return to preinjury level after anterior cruciate ligament reconstruction in soccer players: A systematic review with meta-analysis. Knee Surg Sports Traumatol Arthrosc. 2026; 34 (3): 930-944.

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Katrin Veit

Katrin Veit

B.Sc. | Physiotherapeutin & Fachredakteurin bei DIGOTOR

Katrin hat Präventions-, Therapie- und Rehabilitationswissenschaften studiert, jahrelang in der Orthopädie gearbeitet und liebt es, Menschen auf dem Weg zurück in Bewegung, Sport und Alltag zu begleiten. Bei DIGOTOR bringt sie aktuelle Forschung auf den Punkt – mit der festen Überzeugung, dass Evidenz und eine gute Therapeuten-Patienten-Beziehung kein Widerspruch sind, sondern untrennbar zusammengehören.